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Die zwei Welten eines Landes

- Ein Reisebericht -

Der Südwesten der USA ist gleichzeitig Glanz und Glamour an den kalifornischen Küsten und konservatives Hinterland in der Weite unberührter Natur. Als ich meine selbstorganisierte Reise begann, war ich zunächst gespannt auf die Glitzerwelt von Hollywood in Los Angeles. Wie auf vielen Reisen zuvor nutzte ich den Hospitality Club (HC), um ohne Bezahlung bei anderen Mitgliedern zu übernachten.

In L.A. bot Paul mir an, für ein paar Tage bei ihm in West Hollywood zu bleiben. Wieder einmal stellte sich der HC als perfekte Übernachtungsmöglichkeit heraus. Während der Zeit, die man alleine unterwegs ist, kann man sich die großen Sehenswürdigkeiten der Stadt ansehen, wie man es sonst auch machen würde. Sobald ich mich mit Paul traf, nahm ich seine Perspektive auf die Stadt ein. Die Perspektive eines Mannes, der in der Filmproduktion arbeitet und somit geradezu einen klischeehaft perfekten Job hat, um einem interessierten Besucher wie mir Hollywood näherzubringen. Dass er nicht mit von Stolz geschwellter Brust über seine letzten Dreharbeiten mit Rihanna erzählt, sondern sich eine kritische Haltung zur Scheinwelt und den vielen geplatzten Träumen bewahrt hat, machte den Aufenthalt bei ihm nur noch angenehmer.

Erst durch diesen Kontakt und die übernommene Perspektive wurde L.A. für mich verständlich. Die Metropole ist im Gegensatz zu New York fast durchgehend flach bebaut und erstreckt sich daher über eine schier unfassbare Fläche. Stunden kann man im Auto damit verbringen, dem Highway aus der Stadt zu folgen, bis irgendwann ein Ende in Sicht ist. Bei der Rush Hour ist es einfacher zu erwähnen, wann sie nicht ist (zwischen 22 und 7 Uhr und in der Mittagszeit). Ein richtiges Zentrum gibt es ebenfalls nicht. Gerade das allerdings macht auch den Reiz von L.A. aus. In allen Ecken der Stadt sind kleine Zentren und interessante Viertel entstanden. Die endlos breiten Strände ziehen sich an der gesamten Küstenlinie entlang, und wenn man die kleinen Ausnahmen von den etwas belebteren Abschnitten Santa Monica Beach und Venice Beach ausnimmt, sind sie überall gleich stark oder gering bevölkert. L.A. überrascht mit der größten Dichte an Museen weltweit. Galerien und zahlreiche Theater bilden das Kontrastprogramm zur oberflächlichen Glitzerwelt von Beverly Hills. Mit Paul ging zum Kicken auf den Fußballplatz der ehemaligen Grundschule der Red Hot Chili Peppers und Axl Rose, auf ein Glas Wein mit dem Saxophonisten von Lenny Kravitz oder eine Vernissage einer befreundeten Konzeptkünstlerin. Wie normal, freundlich und interessant der Aufenthalt trotz dieser extravaganten Begegnungen war, ist dem Gastgeber zu verdanken.

Irgendwann folgte ich allerdings dem Ruf der Natur und machte auf in Richtung Osten. Der erste Nationalpark, den ich mir ansehen wollte, war der Joshua Tree Park. Er liegt zwar noch in Kalifornien, doch das Landschaftsbild, der Dialekt der Menschen und ihre politische Einstellung liegt von der Küste zwischen San Diego und San Francisco ebenso weit weg wie von Castrop-Rauxel. Der Park, in dem die Mojave Wüste in die Colorado Wüste übergeht, ist nach den vielen verzweigten Joshua Trees benannt, die fast wie eine Mischung aus Kaktus und Baum aussehen. Überall stehen riesige Steinhaufen, die das Kind in einem hervorbringen. Ich zumindest verbrachte einige Zeit damit, in den seltsamen Formationen meine Kletterkünste auszuprobieren. Die reine Anzahl an Nationalparks in der Gegend sorgt dafür, dass ich teilweise grüne Flecken in einfachen Landkarten angefahren habe, wenn sie auf dem Weg lagen, da sie in keinem Reiseführer verzeichnet waren. So etwa den White Tank Park vor den Toren der Stadt Phoenix in Arizona, der seine Besonderheit aus der Menge von baumhohen Kakteen zieht. Oder den Chiricahua State Park im äußersten Osten Arizonas. Noch nie in meinem Leben habe ich so viele so seltsame Felsformationen gesehen. Man könnte Tage damit verbringen, sich Tiere oder Fabelwesen zu überlegen, die dort in Stein vor einem stehen. Ebenso könnte man Stunden damit füllen, auf das Herabfallen von gigantischen Findlingen zu warten, die durch Erosion nur auf einem Sockel von gefühlten 8 Millimetern Durchmesser stehen. Kletterer müssen beim Verlassen vom „Wonderland of Rocks“, wie die Amerikaner in ihrer liebenswerten pathetischen Art zu sagen pflegen, in ein tiefes Loch fallen. Nach mehreren spektakulären Wanderungen verließ auch ich den Park und setzte meine Reise gen Osten fort. In New Mexiko besuchte ich den Nationalpark White Sands. Zwar liegt dort streng genommen kein Sand, sondern Kalk, das sollte aber niemandem von dem Besuch abhalten. Über mehrere Quadratkilometer erstreckt sich eine Wüstenlandschaft, wie man sie höchstens in der Sahara vermuten würde. Weiße Dünen, soweit das Auge reicht. Wenn die Sonne über dieser magischen Landschaft untergeht und sie in ein rotes Licht taucht, hat sich der Ausflug spätestens gelohnt.

Der letzte Nationalpark, den ich besucht habe, war Big Bend im Westen von Texas. Damit hatte ich mir das größte Highlight bis zum Schluss aufbewahrt. Der Park sieht aufgrund seiner extremen Abgelegenheit viel weniger Besucher, als man es dank seiner atemberaubenden Landschaften vermuten würde. Die Sierras auf der direkt angrenzenden mexikanischen Seite ragen majestätisch über der Landschaft. Der Rio Grande dient hier als Grenzfluss und das Überqueren ist strengstens verboten. Der riesige Zaun, den sich die Amerikaner in Arizona an die mexikanische Grenze gebaut haben, wirkt hier fast lustig, wenn man amerikanische und mexikanische Kinder zusammen im Fluss schwimmen sieht. Die Schluchten im Park sind ebenso gigantisch wie der Sonnenuntergang. Durch „The Window“, eine Lücke zwischen zwei riesigen Felsen, scheint abends die rote Sonne hindurch.

Nur ein Stück weiter gen Westen standen die Menschen zu diesem Zeitpunkt wieder in Los Angeles am Strand und sahen sich genau wie ich den Sonnenuntergang an, sahen einen Feuerball im Pazifik verschwinden, nur betrachteten wir das Naturphänomen aus zwei verschiedenen Welten.

Los Angeles

Lars F.

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