Erlebnisse in der Sierra Tarahumara Occidental
- Ein Reisebericht -
Am späten Abend kommen wir endlich an. Völlig erschöpft sind wir der heißen Wüste Chihuahua´s entkommen. Nervös und völlig aufgedreht freuen wir uns auf eine der schönsten und abenteuerlichsten Zugfahrten der Welt. Durch 5 Vegetationsstufen führt uns die mehrstündige Zugfahrt des "el Chepe". Quer durch die wilden Schluchten Nordmexiko´s von einer Höhe über 2330m bis an den Golf von Kalifornien.
Es ist uns sehr wichtig auf unserer selbstorganisierten Reise vor allem die Ureinwohner die seit jahrhunderten in den Schluchten leben und sich selbst "Fußläufer" nennen, zu besuchen.
Die Wüstenstadt Chihuahua begrüßt uns bei unserer Ankunft mit bunten Bändern die hoch über den Strassen im Wind flattern und bei religiösen Festen aufgehängt werden. Erleichtert finden wir unser Hotel San Felipe, erfrischen uns, und stärken uns in einem der berühmten "Steakhouses" die hier oben im Norden Mexiko´s legendär sind.
Am darauf folgenden Morgen sind wir früh unterwegs. Der zweite Klasse Zug ist weniger Luxuriös aber um so aufregender.
Die Mexikaner sind so herrlich neugierig, schon am Bahnhof heften sich Ihre großen braunen Augen auf uns. Jeder Blick fragt "sind das Gringos" oder etwa "Europäer" ?
Wir halten unser Gepäck dicht bei uns, denn manche sehen mit ihren zersausten und verwitterten Cowboyhüten aus wie "Banditos". Aber nein, gerade der, der mich am aufmerksamsten beobachtete, entpuppt sich später als äußerst liebenswerter Mitreisender. Im dichten Gedränge suchen wir unsere Plätze, vor uns, hinter uns, neben uns, das Leben pulsiert in bunten Farben und fremdländischen Gerüchen. Eine ältere Mexikanerin hat den Korb voller Kräuter und dieser duftet herrlich. Daneben sitzt ein Alter Herr mit einem äußerst imposanten Exemplar eines Hutes der förmlich nach John Wayne schreit. Etwas weiter entfernt nimmt eine junge Familie mit zwei kleinen Kindern ihre Plätze ein, das Baby hängt in seinem Tüchlein an Mutter´s Rücken und beäugt uns mit großem Interesse.
Endlich geht es los, das schrille Pfeiffen ertönt und kurz darauf ruckelt der Zug an, alle strahlen, wir sind pünktlich - und das in Mexiko. Die ersten Stunden passiert draußen nicht so viel, wir fahren über die Hocheben der Sierra Tarahumara Occidental. Dieses Hochland ist vor allem Grasland und dient somit den großen Rancheros als Weideland für die berühmten Rinder und werden später zu leckeren Steaks die weltweit bekannt sind. Später fährt der Zug durch die wilde Kupferschlucht und begeistert uns mit sensationellen Ausblicken in die Tiefe.
Irgendwann kommt ein älterer Mann den Flur entlang und schleppt einen großen Eimer hinter sich her. Er bietet laut wie ein Marktschreier seine Ware an "Burritos, Enschiladas, Fajitas". Das hört sich lecker an, und da es in der zweiten Klasse kein Restaurant gibt, halten wir ihn an und kaufen uns etwas zum Essen. Ich entscheide mich für Burritos, die sind immer lecker und meist mit Käse gefüllt. Er schaut mich an, und fragt in höflichem spanisch "woher kommen sie senorita" ? Ich lächle, "ich komme aus Deutschland" sage ich "dann ist ja alles gut" erwidert er "Deutsche sind immer willkommen, wir mögen keine Gringos". Ich grinse mir einen denn ich weiss wovon er spricht.
Viel zu schnell vergeht die Zeit mit nettem Geplauder und Lachen. Nach fünf Stunden machen wir endlich in Creel halt. Wir sind am höchsten Punkt auf 2330m angekommen. Beim aussteigen erwartet uns eine frische Brise, es riecht nach Fichtenwald. Unser Gepäck wir mit einem kleinen Handwagen transportiert und wir folgen durch den skurrilen Holzfällerort zu unserem Hotel, das BW Lodge at Creel.
Nachdem wir uns frisch gemacht haben, geht es auf zu unserer ersten Wanderung in das nahe gelegene Tal. Es ist Raramuri-Land und gehört jetzt wieder den Ureinwohnern der Sierra Tarahumara Occidental. Sierra Tarahumara
Zu viert machen wir uns auf den Weg. Mit meinen Freunden habe ich schon oft die tollsten Abenteuer erlebt und viele interessante Menschen kennen gelernt. So auch auf unserer Wanderung. Kurz vor dem Eingang des Parkes steht rechts, unter großen Fichten, ein kleines verwittertes Holzhaus. Es sieht unbewohnt aus und trotzdem lebt es irgendwie. Als wir näher kommen sehe ich eine ältere Frau mit langen offenen Haaren und bunten Kleidern durch den wunderschönen wilden Garten gehen. Nach der Regenzeit erblüht die Natur in seinen schrillsten Farben, Wildblumen, Kräuter, Chillis und der Mais. Ich lache die Frau an und grüße höflich, sie lächelt zurück und fragt mich "woher kommst du" ? Bist du Mexikanerin" ? "Nein" antworte ich lachend "ich komme aus Deutschland, und Sie?" "Ich bin eigentlich Amerikanerin, aber das will hier niemand hören. Jetzt bin ich die verrückte Wilde die im Wald Kräuter sammelt und Hexentänze aufführt " Wir lachen beide herzlich. Ach, ich wünschte ich könnte noch verweilen, ihre Lebensgeschichte ist sicher hoch interessant.
So maschieren wir weiter und kommen schließlich in ein wunderschönes Tal. Wir lassen den Wald hinter uns und bewegen uns auf eine Felsformation zu. Unzählige Wildblumen leuchten in den schönsten Farben. Hier möchten wir eine Raramurifamilie, die noch in einer Höhle leben, besuchen. Damit wir nicht mit leeren Händen kommen haben wir Kartoffeln und Mais eingekauft, denn hier oben wächst sehr wenig und die Menschen sind Bettelarm. Ich kenne die junge Frau, als ich hier oben einige Monate lebte, und viel gewandert bin, kam ich oft an ihrer Behausung vorbei. Sie grüßte immer mit einem lächeln und ab und zu schenkte ich ihrer kleinen Tochter Orangenkekse. Langsam gehen wir auf die Behausung zu.
Die Höhle ist nach vorn hin offen aber überdacht und etwa 10m lang sowie einige Meter tief. Ein kleiner Holzzaun schützt sie vor ungebetenen Gästen und dient als Grenze in ihr privates Reich. Schüchtern kommen die Bewohner näher und lächeln höflich. Die junge Mutter zieht ihr buntes Kopftuch etwas mehr in das Gesicht als würde sie sich schämen. Dann erkennt sie mich und ihre größere Tochter rennt auf mich zu um mich zu bergrüßen. Ihre Zöpfe mit bunt eingeflochtenen Bändern wehen im seichten Wind.
Wir haben uns nicht vergessen. Und wir alle die sie besuchen, möchten ihnen mit unserer Geste helfen den nächsten kalten Winter zu überstehen.
Ihre peinliche Berührtheit sowie Dankbarkeit lassen in mir großen Demut aufkommen.
Birgit Reichhardt
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