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Marrakesch, das Herz von Afrika

- Ein Reisebericht -

Wer träumt nicht davon, sich einmal wie in einem Märchen aus 1001 Nacht zu fühlen? Nur einmal seine Sinne verwöhnen lassen und sich dem süßen Nichtstun hingeben- eine verführerische Vorstellung.

Mir ist das bereits mehrmals gelungen und ich bin geradezu süchtig danach geworden. Marrakesch, die Perle des Atlasgebirges ist das Ziel meiner Träume geworden. Da ich lieber individuell verreise, sind meine Reisen zumeist selbstorganisierte Urlaube.

Da nur eine sehr bekannte irische Fluglinie direkte und preiswerte Flüge nach Marrakesch anbietet, entschloss ich mich, in den sauren Apfel zu beißen und eines dieser günstigen Tickets zu erwerben. Nun, wenn man den Kampf um die Sitzplätze ohne größere Schäden an Leib und Leben überstanden hat und sich brav den Anweisungen der adrett uniformierten Flugbegleiterinnen fügt, ist alles ganz einfach. Man sitzt da und wartet geduldig, bis es vorbei ist. Öffnet sich dann die Tür des Flugzeuges und man kann die ersten Atemzüge mit marokkanischer Luft genießen, vergisst man alle Unbill der vergangenen drei Stunden. Afrika liegt dem Reisenden zu Füßen und man kann es kaum erwarten, sich in das Abenteuer zu stürzen.

Nun, diese Erwartungen werden ein wenig gedämpft, denn zuallererst muss man die Passkontrolle passieren, was durchaus zeitaufwendig sein kann, den ein marokkanischer Polizist ist immer gern zu einem kleinen Plausch bereit, insbesondere, wenn es sich um blonde, französische Damen handelt. Irgendwann hat man dann doch seinen Stempel im Passport, kann, wenn man Glück hat, seinen Koffer in Empfang nehmen und strebt endlich dem Tor zur Wüste , sprich dem Ausgang zu.

Dort wird man von einer folkloristisch anmutenden Gruppe einheimischer Musikanten begrüßt und kann, unter einem Schild sitzend, das besagt, dass es den Angestellten verboten sei, Trinkgeld anzunehmen, dem eifrig mit einem Thè à la menthe herbeieilenden Kellner ein kleines Trinkgeld in die Hand drücken. Hat man es denn dann geschafft, sich von einem finster dreinblickenden Taxifahrer, mit dem man natürlich vorher den Preis aushandeln sollte, zum gebuchten Hotel fahren zu lassen, so ist man schon auf dem besten Wege, endlich seinen Urlaub so richtig genießen zu können.

In meinem Fall war das Hotel ein sogenanntes " Riad", so nennt man die alten Stadthäuser in der arabischen Medina. In Marrakesch sind sie oft zu kleinen Hotels umfunktioniert worden und bieten den Gästen einen Einblick in die typisch marokkanische Wohnkultur.

Mein Riad hatte nur vier Zimmer und gehörte einem äußerst entspannt wirkenden Franzosen, der mich und die anderen mitreisenden zwei Damen ausgesprochen freundlich und herzlich empfing. Wie gesagt hatte das Riad nur vier Zimmer und niemand außer uns hatte es zu diesem Zeitpunkt gebucht, demzufolge gehörte uns das Haus ganz alleine und wir fühlten uns wie Prinzessinnen, denen von einem reizenden glutäugigen Mitarbeiter des Hauses jeder Wunsch von den Augen abgelesen wurde.

Kaum hatten wir in unseren im traditionellen Tadelakht-Stil, einer speziellen Technik zum Verputzen von Wänden, gehaltenen Badezimmern eine Dusche genommen, ging es auch schon in der brütenden Mittagshitze hinaus in das pulsierende Leben von Marrakesch, dachte ich zumindest. Das Einzige, was bei diesen Temperaturen jedoch pulsierte, war das Blut in meinen Schläfen, denn ich war einem Hitzschlag nahe. Also orderten wir bei einem der Orangensaftverkäufer auf dem Platz Jamaa al Fna einen soeben gepressten kühlenden Orangensaft und begaben uns zum Zwecke der Nahrungsaufnahme in das eine der zwei vegetarischen Lokale im Lande der Fleischliebhaber Marokko.

Das Earth Cafè bietet vegetarische und vegane Speisen , psychedelische Tischmusik und einen Hauch von Flower Power.

Völlig relaxed und satt machten wir uns auf einen Einkaufsbummel durch die nahegelegenen Souks und kauften trotz hartnäckigster Verhandlungen keine der Ledertaschen, die uns ahnungslos agierenden Damen zu völlig überhöhten Preisen angeboten wurden.

Was tut man in einer solchen Situation? Man setzt sich natürlich ins Café France und beobachtet die Menschen und Touristen, die auf der Suche nach dem Duft des Orients hierher gefunden haben.

Es ist schon erstaunlich, was den Einheimischen von der aus Europa anreisenden Weiblichkeit an ästhetischen Verbrechen zugemutet wird. Doch die Marokkaner haben ihre Waffen. Ehe man es sich versieht, prangt ein Henna-Tatoo auf dem Arm der Touristin und es wird lautstark nach einer Bezahlung verlangt, die nicht jenseits von Gut und Böse ist, sondern einfach nur böse. Doch was soll’s, man zahlt doch gern, wenn man die vorwurfsvollen Blicke der marokkanischen Frauen damit von sich abwenden kann, die einen plötzlich in doch recht beachtlicher Anzahl umringen.

Ehe man es sich versieht ist es dunkel und erst jetzt entfaltet sich der Reiz von "La Place", wie man den Platz der Geköpften auch salopp zu nennen pflegt. Flugs sind die Garküchenstände errichtet, selbstverständlich in einer ganz exakten Anordnung, denn so eine Lizenz zu besitzen ist mehr wert als Gold und der Cousin des Chefs der städtischen Marktbehörde hat dabei die denkbar besten Chancen.

Jetzt geht sie los, die Brutzelei und Schreierei im Kampf um die mehr oder weniger willigen Gäste. Alle nur denkbaren und undenkbaren Speisen verschwinden in den Mägen von Marokkanern und Zugereisten. Seien es Schnecken, Fische, Hammelköpfe, Fleischspieße, Bohnensuppe, Couscous, Hühnchen, gebackene Auberginen oder unglaublich betörend süße Erzeugnisse der marokkanischen Patisserie.

Hat man genug von alledem, so begibt man sich auf den Weg nach Hause, das heißt in diesem Fall, in sein Riad. Man schlendert vorbei an Schlangenbeschwörern, deren Schlangen keine Giftzähne mehr besitzen und somit völlig ungefährlich sind und weicht den Affendresseuren aus, denn wer hat schon gerne einen Affen auf der Schulter? Der Weg führt vorbei an Märchenerzählern, orientalischen bauchtanzenden Transvestiten, Wahrsagern und Zahnziehern.

Wenn man ganz großes Glück hat, so wie wir, dann trifft man auf den Mann, der mit einem Huhn auf dem Kopf die Gimbri spielt, das ist ein marokkanisches Zupfinstrument, und dazu singt. Was er singt, das weiß ich nicht, aber die lokale Bevölkerung lauschte ihm sehr andächtig.

Hat man es nun noch geschafft, an den Gnawa-Musikern vorbeizukommen, ohne in Trance zu geraten, dann hat man die Reifeprüfung für Marrakesch bestanden. Der Tag endet mit einem Blick von der Dachterrasse , die in keinem Riad fehlen darf und man geht mit dem zufriedenen Gefühl schlafen, dass es doch noch Dinge gibt, die einem im Leben Spaß machen, wie z.B. ein selbstorganisierter Urlaub.

Anonym

Marrakesch

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