New York schläft wirklich nie!
- Ein Reisebericht -
New York – die Stadt, die niemals schläft? Schon unmittelbar nach der Ankunft stellte ich fest, dass das Klischee zutrifft. New York City hat einen ganz eigenen, überwältigenden Rhythmus, dem man sich nicht entziehen kann. Schon die Fahrt vom Flughafen (Newark, im Bundesstaat New Jersey gelegen, aber nur einen Katzensprung von Manhattan entfernt) ist aufregend. Der Blick auf die berühmte Skyline ist beeindruckend – wer schon vor dem 11. September 2001 in New York war, wird allerdings die Lücke bemerken, die die fehlenden Twin Towers im Stadtbild hinterlassen haben. Spätestens seit diesem Datum empfiehlt es sich auch nicht mehr, mit den sogenannten Immigration Officers, also den Grenzbeamten, am Flughafen zu scherzen, sonst könnte der Aufenthalt am Flughafen sich unfreiwillig verlängern. Und das möchte ich vermeiden, schließlich möchte ich meinen Weihnachtsurlaub in New York genießen.
In Manhattan angelangt, verstärkt sich der nachhaltige Eindruck, den die Stadt hinterlässt. Selbst andere Weltmetropolen wie London sind nicht vergleichbar mit New York mit seinen Straßenschluchten und den imposanten Wolkenkratzern. Der massive Granitfelsen, auf dem Manhattan, einer der fünf Stadtbezirke oder auch Boroughs New York Citys, erbaut wurde, hat diese Hochhausbauweise erst möglich gemacht. Manhattan, für viele die Verkörperung New Yorks, ist genau genommen eine Insel und tatsächlich ringsum von Wasser umgeben – eine Tatsache, die ich mir zunutze mache. Eine Schiffsfahrt rings um Manhattan gibt mir einen wunderbaren ersten Überblick über die Stadt, ganz in Ruhe und ohne Lauferei. Aber trotz der schieren Größe dieser Weltstadt ist es gar nicht schwer, sich zurechtzufinden. Schnell hat man das System der Straßenanordnung durchschaut: die großen Avenues, die die Stadt von Norden nach Süden durchqueren, werden gekreuzt von den nummerierten Querstraßen.
Die Fortbewegung in New York fällt nicht schwer, man kommt zu Fuß gut voran. Auch der Nahverkehr ist perfekt organisiert. Fahrten mit der U-Bahn sind sicher und preiswert, und selbst zu fortgeschrittener Stunde steht man nie lange auf dem Bahnsteig. Oberirdisch verkehren viele Buslinien. Besonders einfach und bequem ist das Taxifahren. Außerdem ist es ein echtes Abenteuer, denn viele der weltbekannten Yellow Cabs sind so alt und durchgesessen, dass ich teilweise das Gefühl habe, mit dem Hinterteil nur Zentimeter von den Straßen Manhattans entfernt zu sein. Dafür ist die Fahrt recht preiswert, und es funktioniert tatsächlich wie im Film: Sobald man am Straßenrand nur leicht die Hand hebt, steht – wuuusch – Sekunden später ein Taxi neben einem.
Das quirlige Treiben auf den Straßen lässt nachts nicht nach, ebenso wenig wie die unablässige Untermalung mit Polizei- und Feuerwehrsirenen. In der ersten Nacht im Hotel frage ich mich noch, ob ich bei dem Lärm je werde schlafen können – aber schnell habe ich mich daran gewöhnt und werde diesen typischen Klang der Stadt später zuhause sogar vermissen. Das Hotel selber ist sauber und in Ordnung, aber man sollte wissen, dass die Hotelkategorien in New York nicht den unseren entsprechen. Auch Hotels mit mehreren Sternen haben oft schon lange keine Renovierung mehr erlebt.
Auch wenn die Stadt nicht schläft, am 25. Dezember wird sie doch ein wenig ruhiger. Der Weihnachtsfeiertag ist denn auch der einzige Tag, an dem ich es erlebe, dass einige Geschäfte und Restaurants geschlossen haben. Ladenschlusszeiten sind hier aber unbekannt, zu jeder Tages- und Nachtzeit findet sich ein geöffnetes Deli (kurz für „Delicatessen“), ein Laden, in dem man sich beispielsweise mit frischen Salaten und Getränken eindecken kann. Natürlich gibt es neben den preisgünstigen Delis auch Restaurants jeder Preisklasse und jeder Landesküche in dieser Stadt, aber besonders gefällt es mir, mir einfach einen Bagel und einen Kaffee zum Mitnehmen zu holen und mich in den Central Park zu setzen und das Treiben zu beobachten. Little Italy ist eine kulinarische Reise auf jeden Fall wert, besonders, wenn man einen Hang zu Süßem hat. Die frischen Canolli und der köstliche Kaffee in den Straßencafés sind unwiderstehlich. Mein Lieblingsplatz im kalten New Yorker Winter ist aber das Caffè Vivaldi in Greenwich Village: Bei Außentemperaturen von minus fünfzehn Grad hier am Kamin zu sitzen, dazu einen hot apple cider und einen Salat mit warmem Ziegenkäse zu genießen, das ist perfekter Weihnachtsurlaub.
Ein wunderbares Ausflugsziel gerade während der Weihnachtszeit ist das Museum „The Cloisters“ an der Nordspitze Manhattans. Eine Buslinie führt quer durch die ganze Stadt dorthin – eine Stadtrundfahrt zum Linienbuspreis. The Cloisters ist eine Außenstelle des berühmten Metropolitan Museum of Art. Im Fort Tryon Park gelegen, ist es aus Teilen mittelalterlicher europäischer Klöster erbaut. Auf dem schneebedeckten Felsen vor diesem Kloster und dem herrlichen Klostergarten habe ich plötzlich vergessen, dass ich noch immer mitten in einer der größten und lebhaftesten Städte der Welt bin.
Zurück in der Innenstadt, genieße ich bei den Weihnachts-Shopping-Touren die stimmungsvolle Beleuchtung. Jedes noch so kleine Bäumchen am Straßenrand ist mit Lichtern geschmückt, alle Kaufhäuser haben Weihnachtsbeleuchtung – Cartier ist sogar mit einer riesigen Schleife selbst als Geschenk verpackt.
Ein weiterer wunderschöner Ort für eine kleine Auszeit ist der South Street Seaport, besonders der Pier 17. In diesem Gebäudekomplex gibt es viele Läden, Restaurants und Cafés – aber vor allem liegt er direkt am East River, und auf den verschiedenen Decks stehen Holzliegestühle, in denen man kostenlos den Blick auf Brooklyn und ein paar Sonnenstrahlen genießen kann. Am Pier liegen etliche Segelschiffe, und die Holzplanken des South Street Seaport unterstreichen das maritime Feeling.
Silvester will ich dann eigentlich am Times Square verbringen – aber der Menschenandrang ist so groß, dass ich die paar Blocks vom Hotel aus dorthin selbst zu Fuß nicht bewältigen kann. Berittene Polizisten regeln den Andrang aber ausgezeichnet, und so bleibt mir auch einige Straßen entfernt noch ein guter Blick aufs Feuerwerk.
Da die Stadt wirklich niemals schläft, wird es auch nie dunkel. Die Lichter New Yorks sind so hell, dass keine Sterne am Himmel zu sehen sind. Dafür entschädigt mich allerdings ein Besuch im Hayden Planetarium, einem Teil des Naturkundemuseums am Central Park.
Kurz nach Silvester geht dann mein Weihnachtsurlaub in New York zu Ende, und beim Abflug schaue ich noch einmal wehmütig auf Manhattan herab. Ich war sicher nicht zum letzten Mal hier!
Claudia Vogel
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