Rustikale Radwanderung
- Ein Reisebericht -
Nachdem meine Zeit als Segler vorbei ist, habe ich mich in diesem Jahr zu einer Radtour mit der Moselquelle als Ziel (N 47° 53´22´´, E 06° 53´3´´) entschieden. Neben den üblichen Fahrrad-Seitentaschen verfüge ich zudem noch über einen kleinen Anhänger, in dem die Campingausrüstung und eine 20Wp-Solaranlage untergebracht ist. Über die physikalische Leistungsformel habe ich ermittelt, dass ich bei einer Gesamtmasse von 150kg in der Lage sein sollte, eine Steigung bis 5% zu bewältigen.
Von meinem Heimatort aus ging es dann auf möglichst direktem Weg zur Mainspitze, um dort zwischen Gustavsburg und Mainz-Kostheim den Main zu überqueren. Das erste Tagesziel Geisenheim am Rhein, gleichzeitig Prüfstein ob ich den wirklich 60km am Tag bewältigen kann, erreichte ich gegen 17:00 Uhr. Wie beabsichtigt, ich wollte weitestgehend Campingplätze meiden, schlug ich mein Zelt dort auf, wo ich eben gerade war, in einer Parkanlage. Niemand schien sich daran zu stören, wie im weiteren Verlauf meiner Reise, waren Leute die gerade ihre Hunde Gassi führten, selbst über das Zusammentreffen mit mir am meisten irritiert, sie nahmen dann auffällig brav die Hinterlassenschaft ihrer Hund in Beutel auf. Ob und wie lange man in Deutschland wild zelten darf, ich habe keine schlüssige Auskunft gefunden, denke mir aber, dass dies eine Eigentumsfrage ist, man gegebenenfalls um Erlaubnis bittet, notfalls weiterzieht. Für Frankreich habe ich eine generelle Regelung gefunden, die ich allgemein als Anhaltspunkt genommen habe, danach ist Abstand zu bewohnten Orten, Denkmalen und Gewässer zu halten. Da in Europa eigentlich jeder Flecken sich in privatem oder öffentlichem Besitz befindet und ich nicht unnötige Konflikte heraufbeschwören wollte, habe ich auf ein zünftiges Lagerfeuer verzichtet, was ohnehin meistens ausdrücklich verboten ist. Was ist aber ein Biwak ohne Feuer?
Die angelegten Radwege schienen zunächst als Wegweiser geeignet, führten aber in aller Regel in Sackgassen, um Ortschaften und wichtigen Anlaufpunkte wie Bäcker, Metzger, Einkaufszentren und Möglichkeiten zum Nachfüllen der Wasserflasche im Abseits herum, statt zu ihnen. Da Radwanderer ein Tagesziel verfolgen, ist ihnen deshalb geraten auf Landstraßen, in der Nähe von Flüssen und Bahnlinien zu bleiben. Bei Lahnstein war dann auch schon der letzte öffentliche Trinkwasserbrunnen erreicht, von da an war Wasser zu finden der tägliche Notstand, es blieb nur, darum bei Gelegenheit zu betteln oder es zu kaufen, erst nach Épinal, schon in den Vogesen, strömte frisches, herrliches Quellwasser aus allen Richtungen herbei.
In Trier, beim Auffrischen von Google Earth, ist mir ein alter Eintrag aufgefallen. Dem nach soll sich nicht weit nördlich, an der Grenze zu Luxemburg, im Dreieck Bitburg, Echternach, Diekirch, damals vor über siebzig Jahren das Panzerkorps von Guderian für den berühmten Sichelschnitt bereitgestellt haben. Ich entschloss mich also, ab Wasserbillig dem Lauf des Grenzflusses Sauer zu folgen, um einen Eindruck von den Ardennen zu gewinnen, die Fahrt in diesem engen, fast unverbauten Tal, war der schönste Streckenabschnitt der gesamten Tour. An kriegsgeschichtlich Bemerkenswertem war nur ein Museum zu finden, dass im Zusammenhang mit einer amerikanische Infanteriedivision, ihrer Flussüberquerung nach Deutschland und der damit verbundenen Befreiung Luxemburgs steht, bei Diekirch noch eine Gedenkstätte für zwangsrekrutierte Luxemburger und ihrem Schicksal auf Grund der deutschen Besatzung. Das hier deutsche Panzerdivisionen auf ihrem Weg durch die Ardennen mit Ziel Kanalküste durchgerummpelt sind, scheint nicht Erwähnenswert zu sein, wahrscheinlich, weil das Thema negativ besetzt ist.
Am 20. Juni stemmte ich mein Fahrradgespann quasi in den Wolken bei ständigem Nieselregen den fürchterlich langen Anstieg zur Moselquelle und dem Col de Bussang hoch, der Scheitelpunkt meiner Reise war erreicht. Der geographische Punkt der Quelle besteht aus einem Becken in Granit, die Anlage ist wie ein Amphitheater gestaltet, am an einer Wand abgebildeten Verlauf der Mosel kann man sich die Stationen des bisherigen Weges noch einmal in Erinnerung rufen. Die vom Col de Bussang in steilen, fast alpinen Serpentinen abschießende Straße ins Tal der Thur war der spannendste Streckenabschnitt, die Schussfahrt von der leisen Furcht begleitet, die Bremsen könnten versagen, nur ein Notabsprung die letzte Rettung sein. Der Tag konnte schließlich bei bestem Wetter und ohne Schaden genommen zu haben, bei Kaffee und Kuchen gefeiert werden.
Nach sechs Wochen auf dem Rad, bedenklich abgemagert, angerissener Deichsel des Anhängers, der zusätzliche Fahrradständer inzwischen weggebrochen, bin ich wieder wohlbehalten zuhause angekommen. Für die nächste Tour werde ich mich besser vorbereiten, nur das aller notwendigste mitnehmen und mir wiedermal vornehmen, auf eine Gewalttour zu verzichten, man will sich ja eigentlich erholen, die Freiheit genießen.
Anonym
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