Den Arsch geschmiert und ab dafür!

- Ein Reisebericht -

Den Arsch geschmiert und ab dafür!

Es reichte. Ich musste raus, einfach nur raus. Jetzt war passiert, was ich nie für möglich gehalten hatte. Meine Nerven liegen so blank, dass alles, was ich immer wieder aufgebaut habe, gefährdet ist. Ernsthaft gefährdet. "Mit dir kann es keiner mehr aushalten. Darum haste auch keine Frau." sagte mein Partner, mit dem ich seit einiger Zeit unsere Agentur betrieb. Ich merkte, er hatte Recht und ich hatte es auch erkannt.

"Kein Wunder" wurde mir schon vor kurzem mal von einem Coach gesagt, den ich von meinen Problemen erzählt hatte. Ein vor vielen Jahren nach einer privaten Trennung erfolgter Umzug mit Sack und Pack in eine neue Arbeitswelt, der lang andauernde Riesenerfolg, der dann durch Hinterhältigkeit wieder verloren ging. Die damit verbundene Pleite. Der Versuch wieder aufzustehen, wieder Rückschläge, immer das Gleiche. Ein langer Weg herauf, dann wieder Abstürze. "Das geht auch an ihnen nicht spurlos vorbei." sage der Coach. "Die Symptome sind klar: Burn Out. Sie müssen abschalten!"

"Abschalten? Wie denn? Ich bin selbständig, ich habe eine Agentur. Und da ich keine Reichtümer angesammelt habe muss ich arbeiten." entgegnete ich und verließ das Büro des Coaches, der mir noch ein "Passen Sie auf sich auf" mit auf den Weg gab.

Ja, ich passte auf. Deswegen brach ich dann auf. Nicht einfach so, es gab eben den Grund. Ein Streit, ein Riesenstreit. "Schalte doch einfach mal ab und verpfeif dich mal!" sagte mein Partner. Das war es also, das Signal, dass ich brauchte. Und ich handelte. Ich verließ die Agentur und sage mir: Einfach weg!

Und ich wußte auch wie. Mit dem Fahrrad, meinem zwar auch schon in die Jahre gekommenen aber immer noch gut erhaltenen "roten Esel", wie ich es nannte. Ab nach Hause. Den Allerwertesten mit Salbe eingeschmiert, die Radelhose drüber, etwas Kleidung zum Wechseln und den Kulturbeutel in den Rucksack, Helm und Sonnenbrille auf und dann ... ab dafür!

Von Potsdam aus in Richtung Norden. Oder war es Osten? Egal! Weg, einfach nur weg. Ich radelte und radelte. Dann wurde es irgendwann kalt, richtig kalt. Dazu kam Regen und die Dunkelheit setzte ein.

Ich suchte ein Quartier. "Einfach nur ein kleiner Gasthof in einem Ort, das reicht doch völlig aus." sagte ich mir. Ich kam durch Orte, sah die Ortsschilder. Und Minuten später das gleiche Ortsschild, allerdings mit einem roten diagonal von links unten nach rechts oben versehenen Strich. Vier, fünf, sechs - ich habe nicht genau gezählt - Ortschaften waren durchquert und nicht einen Gasthof, nicht eine Kneipe hatte ich gesehen. "Du bist so ein Idiot!" schimpfte ich mit mir. "Zu Hause könntest Du im warmen Bett liegen, hättest ein leckeres Abendbrot gehabt." Und hier, nichts, aber auch gar nichts.

Dann musste eine Entscheidung her. Zwischen zwei Ortschaften sah ich auf einer Wiese eine Scheune. Oder war es ein Viehunterstand? Ich konnte es nicht genau erkennen. Aber es war mir egal; denn, es hatte ein Dach. Und das war das einzige was ich im Moment wollte. Einfach nur ein Dach über dem Kopf. Ich betrat den Unterstand und schaute mich um. Erkennen konnte ich, dass es sich um ein Stroh- und Heulager handelte. Unter dem Dach flogen Fledermäuse, hin und wieder raschelte es. "Wenn die hier wohnen ist auch für dich noch Platz" sagte ich mir, legte meine nass gewordene Kleidung ab, kramte aus dem Rucksack die Gott sei Dank trocken gebliebenen anderen Sachen hervor und zog mich um. Dann habe ich einige Strohballen zusammengelegt, mir einige Büschel Heu darauf gelegt, noch einen Schluck aus der Wasserpulle genommen, den letzten Müsli-Riegel verputzt, erneut etwas Wasser getrunken, das im Rucksack befindliche Handtuch als Kopfkissen zurecht gelegt und habe mich in mein Heubett gekuschelt.

Wach wurde ich erst wieder am nächsten Morgen. Eine dominant wirkende Frau in knielangen Stiefeln stand mit einer Forke in der Hand an meinem Nachtlager. "Auch noch Frühstück gefällig?" bellte sie. Ich richtete mich auf, rieb mir die Augen, murmelte etwas von "Entschuldigen sie bitte..." und schilderte meine Situation. "Na, sag ich doch. Frühstück gefällig!" schmunzelte sie sehr auffordernd und zeigte mit der Hand in Richtung der zu einer Seite hin offenen Kate, vor der einige Pferde standen und uns beäugten. Während ich mein Nachtlager räumte, meine immer noch etwas feuchte Kleidung im Rucksack verstaute betraten die ersten Pferde die Scheune und schnupperten an meinem Lager, um dann mit großem Genuss das von mir angewärmte Heu zu verspeisen.

Ich schaute zu der Dame, die jetzt mit der Forke weiteres Heu auf den Boden streute bzw. den Pferden zu Füßen legte. "Die haben das ja richtig gut bei ihnen!" bemerkte ich. "Ja, so soll es sein." antwortete sie. "Die machen zwar Arbeit, aber bringen auch einen Riesenspass." Dann stützte sie sich auf ihre Forke und schaute mich an, während ich mir vor der Kate auf der Wiese die Zähne putzte. "Sie sind ja ein sauberer Typ!" sagte sie schmunzelnd.

"Ja, manchmal..." antwortete ich etwas nachdenklich, spülte meinen Mund aus, wischte ihn mit dem Handrücken ab. Dann nahm ich mein Fahrrad, packte den Rucksack auf den Gepäckträger, setzte Helm und Brille auf und schaute auf die Frau. "Wenn ich darf, komm´ich mal wieder."

"Machen sie. Wo sie mich finden wissen sie ja. Bin jeden Morgen um die gleiche Zeit hier." hörte ich noch, während ich schon gut gelaunt auf mein Fahrrad saß um von der holprigen Wiese zu radeln. Ich fuhr direkt zurück nach Hause. Mein burn-out oder was auch immer, war auf einen Schlag verflogen.

Anonym

Lindow

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