Dieses Jahr in Karlsbad – Der Bericht eines Filmfestneulings

- Ein Reisebericht -

Internationales Filmfest Karlovy Vary, 1.7. –9.7.2011

Dieses Jahr in Karlsbad – Der Bericht eines Filmfestneulings

Cannes, Berlin, Venedig, Locarno. Namen, die jeder Filmfan ganz intuitiv mit dem jeweiligen Festival verbindet. Doch neben den ganz großen Festivals gibt es eine Reihe kleinerer, aber immer noch recht großer Festivals. Dazu gehört auch das Filmfest in Karlovy Vary, das zumindest formal als A-Festival mit der Cannes, Berlin und Co. in einer Reihe steht.

Weil Karlovy Vary, zu Deutsch Karlsbad, zwar in der ersten Liga, aber doch nicht ganz vorne mitspielt, umfasst der Wettbewerb nicht die ganz großen Produktionen, denn die sind eben an der französischen Riviera, in der deutschen Hauptstadt oder am Canale Grande zu sehen. Selbst der Siegerfilm aus Karlsbad dürfte nur allergrößten Filmfreaks etwas sagen. Oder haben Sie – Hand aufs Herz – schon mal etwas gehört von Restoration, La mosquitera, Un ange à la mer oder Frygtelig Lykkelig?

Auch wenn der Wettbewerb tatsächlich etwas schwächer sein dürfte als bei anderen Festivals, dem Festival als solchem schadet das kaum. Was das Internationale Filmfestival Karlovy Vary von vergleichbaren Veranstaltungen unterscheiden dürfte, ist die einzigartige Atmosphäre, die alljährlich Anfang Juli in dem 50.000-Einwohner zählenden Städtchen herrscht.

Dabei konzentriert sich das Filmfest fast vollständig auf die historische Altstadt, in der alle Kinos, Hotels, Bars, Restaurants und Kneipen in wenigen Minuten zu Fuß erreichbar sind. Zentrum des Festivalgeschehens ist das Hotel Thermal, das mit seiner kommunistisch angehauchten Architektur und einer Höhe von 65 Metern für Besucher zunächst wie ein Fremdkörper erscheinen mag, für die Einheimischen aber wohl inzwischen zur unverwechselbaren Silhouette der Kurstadt gehört.

Im Thermal befindet sich nicht nur der große Saal für mehr als 1.000 Zuschauer, sondern auch noch drei weitere Kinosäle, das Presse- und Akkreditierungszentrum, mehrere Bars, ein Internetcafé, und nicht zuletzt mehr als 20 Kassen.

Vom zentral gelegenen Hotel lassen sich alle anderen Kinos etwa einer Viertel- bis halben Stunde Fußweg erreichen. Allerdings passt der Begriff Kinos an dieser Stelle nicht ganz. Auch in Karlsbad hat das Kinosterben dazu geführt, dass die Stadt de facto nur noch über zwei echte Kinos verfügt: das Kino Čas und das Kino Drahomíra, die mit 200 und 100 Sitzplätzen zudem über bescheidene Kapazitäten verfügen.

Dafür ist die Hoteldichte umso höher, was sich die Festivalleiter zu Nutze machen. Mit dem Grandhotel Pupp, dem Hotel Richmond und dem Kurhaus Lázně III dienen gleich drei Hotels als Spielorte für das Festival, das außerdem auch im städtischen Theater und dem Husovka-Theater stattfindet. Und weil das offenbar immer noch nicht ausreicht, steht vor dem Thermal das Espace Dorleans – ein mobiles, aufblasbares Kino.

Zur Festivalatmosphäre tragen aber nicht nur die ungewöhnlichen Spielorte bei, sondern auch das Gefühl, als befände man sich auf dem einem Klassentreffen. Aus der ganzen Republik kommen die Besucher, und sie sind jung, meist Studenten Anfang 20. Man kennt sich, und falls nicht, hat man während der Festivalwoche genug Gelegenheiten, sich kennenzulernen.

Sei es im Kino, in der Schlange, beim Einkaufen im Supermarkt, bei den zahlreichen das Festival begleitenden Veranstaltungen, oder abends und nachts in einer der Bars, wobei je später der Abend, meist sowieso alle im Aeroport auf- oder, je nach Verfassung, auch abtauchen.

In Karlovy Vary fühlt man sich schon nach wenigen Tagen als Teil einer Familie, weil alle das gleiche Schicksal teilen. Und das beginnt beim Kampf um die Eintrittskarten. Denn im Vorfeld lassen sich online nur zehn Prozent aller Tickets buchen, den Rest muss man sich im wahrsten Sinne des Wortes erstehen. Das System funktioniert so: Jeweils am Vortag kann man Karten für den nächsten Tag kaufen, und zwar ab acht Uhr morgens.

Das hat zur Folge, dass man am besten um fünf Uhr morgens aufsteht, um ab sechs in der Schlange zu stehen, die so lang ist, dass man aber erst um neun Uhr an der Reihe ist – die begehrtesten Filme sind dann schon ausverkauft. Abhilfe schafft da nur Übernachten vor dem Kasseneingang oder aber Reservieren per SMS ab sieben Uhr morgens. Weil aber alle das SMS-System nutzen, ist die Erfolgsquote recht gering und das Schlange Stehen bleibt einem nicht erspart. Ohne Presseakkreditierung ist es unmöglich, alle Karten für die eigenen Wunschfilme zu erhalten. Mit ein wenig Disziplin lässt sich jedoch eine Quote von 70 bis 80 Prozent erzielen.

Wie fast jedes größere Filmfestival bietet auch Karlovy Vary neben dem Hauptwettbewerb eine ganze Reihe weiterer Sektionen. Zu den wichtigsten zählen „Na východ od Západu“ („Östlich des Westens“), den Dokumentarfilmwettbewerb, die Reihe „Tschechische Film 2010/11“ und auch eine Retrospektive, die in diesem Jahr dem US-amerikanischen Regie-Legende Samuel Fuller gewidmet war.

Ich selbst habe bei meiner Filmauswahl nicht auf die Wettbewerbe und Reihe geachtet. Wichtig war für mich vor allem, Filme zu sehen, die ich sonst nicht im Kino sehen kann. Dazu zählte die Fuller-Retrospektive, Dokumentarfilme und tschechische Filme. Die ein oder andere Cannes-Perle wollte ich mir dann aber doch nicht entgehen lassen.

Letztlich habe ich 40 Filme in neun Tagen gesehen. Von meiner ursprünglichen Planung, die 45 Filme umfasste, musste ich mich irgendwann verabschieden. In vier Fällen war die Zeit zwischen den einzelnen Vorstellungen zu knapp kalkuliert, A Torinói ló von Béla Tarr ließ ich wegen akuten Schlafmangels freiwillig sausen.

Zu den Highlights des diesjährigen Festivals gehörten für mich folgende fünf Filme:

Deep End (Jerzy Skolimowski, D, GB, 1970) (Wertung 9.0/10)

Ein Drama, das sich zwischen zwei jungen Menschen im London der 1960er-Jahre abspielt. Gedreht von einem polnischen Regisseur (Jerzy Skolimowski) in London und München und funktioniert vielleicht gerade deshalb so gut. Mit einer wunderschönen Jane Asher in der Rolle der Susan, in die sich der 15-jährige Mike verliebt. Fängt in prachtvollen Farben die Atmosphäre des Londons der Swinging Sixties ein.

Evžen mezi námi (Petr Nýdrle, ČSSR, 1981) (Wertung 9.0/10)

Ein wenig bekannter Abschlussfilm der Prager Filmhochschule FAMU aus dem Jahr 1981. Die Geschichte eines unbedarften jungen Mannes, der nach Prag geht, um dort Karriere als Liedtexter zu machen, was ihm nach anfänglichen Schwierigkeiten schließlich gelingt. Ich persönlich habe den Schluss allerdings als Traumsequenz verstanden, in der sich der nach wie vor erfolglose Evžen sein Glück nur vorstellt. Wie dem auch sei, der Film hält auch dank außergewöhnlicher Kameraarbeit den Geist seiner Zeit konserviert. Aufgrund der latenten Kritik am System wurde der Film umgehend verboten und kam erst nach der Samtenen Revolution 1989 in die Kinos.

Jodaeiye Nader az Simin (Asghar Farhadi, IR, 2011) (Wertung 9.5/10)

Der Gewinner des Goldenen Bären und wohl beste Film in Karlsbad. Warum? Unglaublich realistisch, in jedem Augenblick spannend, ein Drama und eine Kriminalgeschichte in einem, gibt Nader und Simin einen Einblick in die Gesellschaft des heutigen Iran, wie es mit keinem anderen Medium möglich wäre. Auch schauspielerisch absolut überzeugend und herausragend. Anwärter auf meinen persönlichen Titel „Film des Jahres.“

Arirang (Kim Ki-duk, KOR, 2011) (Wertung 9.0/10)

Kim Ki-duk kannte ich vorher nicht, und ich bin mir nicht sicher, ob ich mir jetzt alle seine Filme ansehen soll. Aber Arirang, den ich mehr aus Not gesehen habe, weil die anderen Vorstellungen schon ausverkauft waren, hat mich in seiner Intensität tief beeindruckt. Ein Filmemacher macht mit einer kleinen Kamera einen Film über seine eigene Schaffenskrise. Was sich nach einer bescheuerten Idee anhört, klappt hervorragend. Wir sehen den sich auf seine Berghütte zurückgezogenen Kim Ki-duk schlafen, essen, Zähne putzen, mit seiner Alter Ego philosophieren, sein Innerstes nach außen kehren. Einzigartig, überwältigend, unvergesslich.

Světáci (Zdeněk Podskalský st., ČSSR, 1969) (Wertung 9.0/10)

Eine der bekanntesten und beliebtesten tschechischen Komödien aller Zeiten. Die Filmzitate kennt eigentlich jedes Kind. Umso froher war ich, diese Perle der Filmgeschichte im Kino sehen zu können. Die Geschichte ist recht simpel und sorgt unentwegt für Lacher beim Publikum: Drei Mauer vom Land arbeiten für ein paar Wochen in Prag. Wenigstens für einen Abend wollen die drei Handwerker das Nachtleben der großen Stadt genießen und als „Männer von Welt“ (so ließe sich der Titel Světáci übersetzen) der Damenwelt zu imponieren. Am besagten Abend lernt das Trio tatsächlich drei adrette Damen kennen, doch die sind auch nicht ganz aus der feinen Gesellschaft, wie sie vorgeben …

Karlsbad

Anonym

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