Kranichzug auf dem Darß

- Ein Reisebericht -

„Ende Oktober und an die Ostsee fahren? Ihr seid verrückt.“

So oder etwas zurückhaltender und unverbindlich hörten sich die Kommentare unserer Verwandten an, als wir von unserem Besuch bei den Kranichen berichteten. Zumal für uns Sachsen dieser Ausflug mit immerhin 800 km Strecke für die Hin- und Rückfahrt verbunden gewesen war. Der Aufwand hat sich gelohnt, und dies sogar in vielfältiger Weise.

Wir, das ist meine Ehefrau und ich. Ein Fernsehbericht über den Kranichzug, der jährlich im Oktober auf dem Darß zu beobachten ist, hatte uns auf die Idee gebracht, eine selbstorganisierte Reise dorthin zu unternehmen. Diese imposanten, 1,20 Meter großen Vögel wollten wir unbedingt erleben. Ihre trompetenähnlichen Gesänge hören, ihre großen Schwärme von bis zu 1000 Tieren auf den Feldern bei der Rast beobachten und gleichzeitig das Naturschauspiel erleben, wenn früh die herbstlichen Nebelschwaden über die Boddengewässer ziehen. In diesem Jahr war der Oktober mit Temperaturen bis 25 Grad ungewöhnlich warm und deshalb entschlossen wir uns kurzfristig, noch mal ein verlängertes Wochenende Ostseeluft zu schnuppern. Ich war etwas verwundert, als ich im Internet eine Pension in Bresewitz ausfindig gemacht hatte, und die Stimme der Vermieterin am Telefon ehrlich begeistert über unsere Buchung klang. Ob dieser kleine Ort zwischen Barth und Zingst von den jährlichen Touristenströmen der Saison nicht entdeckt worden war?

Mit dem Bußtag und den beiden Brückentagen hatten wir also fünf Tage Zeit und bereits nach vier Stunden Autofahrt über die zu dieser Jahreszeit weniger befahrenen Autobahnen kamen wir in Bresewitz an. Unsere Gastgeber begrüßten uns in ihrer für die Küstenregionen so typischen, freundlichen und etwas reservierten Art. Wir lieben diesen nordostdeutschen Dialekt und fühlten uns sofort willkommen. Zu dieser Zeit konnten wir noch nicht wissen, dass wir in diesen herbstlichen Tagen viel mehr persönliche Kontakte zur einheimischen Bevölkerung haben würden als in der Saison. Zur Pension gehörte eine Gaststube, in der abends die Dorfbewohner zum Bier, zum Klaren, aber vor allem zum Klönen zusammen kamen. Als hätten sie nur darauf gewartet, bis die Sommertouristen abgereist waren, um wieder ihre Gemeinsamkeit pflegen zu können. Nicht etwa, um unter ihresgleichen zu sein, aber im Sommer macht man halt für seine Gäste Platz.

Gleich am nächsten Tag fuhren wir zu einem der Kranich-Einstandsgebiete auf dem Darß. Wir hatten uns informiert und wussten, dass vor Ort Aussichtstürme vorhanden sein würden und je näher wir kamen, umso mehr nahm der Autoverkehr zu. Nicht übermäßig, aber offensichtlich hatten fast alle das gleiche Ziel. Kranichgesänge und Stimmengewirr? Das würde nicht zu unseren Vorstellungen passen und deshalb wählten wir eine Alternative. Zwar wussten wir, dass man neben den Kranichschwärmen nicht anhalten soll, um die Tiere nicht zu beunruhigen. Aber wir wollten mit ihnen und der ungestörten Natur allein sein. Unsere Fahrt dauerte nicht mehr lange, bis wir die ersten Kraniche am Himmel schweben sahen und nach wenigen Kurven der schmalen Straße sahen wir sie. Ein riesiger Schwarm stand auf dem abgeernteten Maisfeld und die Trompetengesänge hallten von den angrenzenden Waldstücken zurück. Wir ließen unser Auto leise ausrollen. Noch ausreichend weit entfernt auf einem Feldweg, wo wir abseits der Straße stehen bleiben konnten. Die Türen öffnen und zuschlagen wollten wir nicht, zu erhaben war dieses Schauspiel. Der Klang durch die geöffneten Seitenscheiben und der Blick nach vorn zu den Vögeln reichte aus. Wir wissen nicht, ob wir eine oder zwei Stunden verharrt haben. Gesprochen haben wir kaum, und wenn, dann nur leise. Manchmal erhoben sich mehrere Vögel und flogen mit ihren 2,20 Metern Flügelspannweite majestätisch über das Feld, um gleich wieder zu landen und sich wieder in den Gesang ihres Volkes einzubringen. Wir haben an diesem Tag keine weiteren Aktivitäten unternommen, zu intensiv war dieses Erlebnis, das wir noch lange nachklingen ließen.

Wir kannten Barth bereits von früheren Urlaubsfahrten. Die altehrwürdige Stadt mit ihren vielen roten Backsteinbauten und dem Hafen ist in der Sommersaison stark besucht. Diesmal konnten wir in aller Ruhe und Beschaulichkeit bummeln gehen und endlich blieb uns Zeit, im Hafen die zahlreichen, von Holzbildhauern hergestellten Figuren zu betrachten.

Das „neue“ Zingst mit seinen bis fast an den Strand errichteten Hotelbauten hat leider einen Teil seines ursprünglichen Flairs verloren. Sicher gibt es jedoch viele Touristen, die heute diese Angebote zu schätzen wissen. Prerow erkannten wir als den Ort wieder, der seinen Charme trotz vieler Modernisierungen weitgehend erhalten hat. Die warme Witterung ermöglichte uns sogar einen Badeaufenthalt am fast menschenleeren Strand und als wir nach fünf Tagen wieder zu Hause ankamen, waren wir uns sicher – der Darß (und mit ihm die gesamte Ostseeküste) ist nicht nur in der Badesaison ein Erlebnis.

Wolfgang Herzog

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