München – Weltstadt mit Herz und eigener Sprache

- Ein Reisebericht -

Wer aus dem Norden kommend eine selbstorganisierte Reise in die bayerische Landeshauptstadt wagt, ist vor Überraschungen nicht sicher. München, eine Weltstadt, unterscheidet sich in so mancher Beziehung von andern Städten, hat sich die Metropole doch ihre Urtümlichkeiten erhalten. Der Bayer wird als „Findelkind der Völkerwanderung“ definiert, angeblich besteht die Urbevölkerung aus einem Konglomerat liegen gebliebener Römer, zugezogener Germanen (Rudier, Thüinger, Alemannen sowie Langobarden) und den Bojern (Kelten). Der Name Bajuwarier stammt von den aus Baias (Böhmen) kommenden Germanen, gelebt haben die Bayern aber nicht nur in ihrem Königreich, sondern auch in Böhmen, Mähren, Österreich, Tirol und Ungarn. Die fröhliche Völkervermischung zeigt sich besonders in der Sprache, um in München außerhalb der üblichen Touristenwege Wegbeschreibungen zu verstehen, ist wohl vorab erst einmal ein Humanismusstudium nötig. Fragt der Besucher im Rahmen seiner selbstorganisierten Reise nach dem Weg, bekommt er vom Urbayern, leicht genuschelt und etwas gebellt, so eigenartige Lautkombinationen wie gehmadlumdohizkemadogestandagmoaobi zu höre - was auf Deutsch übersetzt nichts anderes bedeutet als: Um dort hinzukommen, müssen Sie nur am Rathaus entlang gehen …..

Die Bayern sind Gemütsmenschen, kulinarischen Genüssen sehr zugetan. In den Randbezirken von München finden sich viele Traditionshäuser, wie die sehr empfehlenswerte „Fahr-Gast-Stätte Alte Wirt“ in dem Stadtteil Forstenried. Hier kann der Besucher noch ursprüngliche bayerische Küche auf hohem Niveau genießen, die Ausstattung ist gemütlich, der Service gut. So manches in dem Lokal erinnert an die Legende um die Entstehung der ersten Autorennen, die Bilder an den Wänden und die ausgestellten Objekte erzählen ihre Geschichten auch ohne Worte. Sir Hubert von Herkomer, ein begeisterter Autofahrer, veranstaltete ab 1905 bis 1907 jährlich ein Autorennen, woraus sich das breite Feld des Motorsports entwickelte. Die erste Tourenwagen-Rallye im Jahr 1905 war eine Zuverlässigkeitsprüfung auf einer Länge von 937 Kilometern mit einundneunzig Teilnehmern, im Folgejahr gingen bereits 159 Fahrer für die 1.700 Kilometer lange Strecke an den Start. Dieses Rennen gewann auf einem Horch 18/20 Dr. Rudolf Stöss, der bei der Einfahrt in die bayerische Residenzstadt über den Forstenrieder Park, wie alle anderen Rennfahrer auch, von einer begeisterten Menschenmenge empfangen wurde. Forstenried ist auch heute noch ein nettes, kleines Örtchen ohne besondere kulturelle Ansprüche, die Lage an der A95 München-Garmisch ist aber für einen selbstorganisierten Ausflug in die Berge perfekt.

Einer der besten Wege Richtung Norden von Forstenried aus führt durch den exklusiven Ortsteil Nymphenburg mit seinem barocken Schloss Nymphenburg. Der zu den größten Königsschlössern Europas zählende Komplex mit dem anschließenden Schlosspark und dem botanischen Garten ist auf jeden Fall einen Stopp wert, leider zählt die Schlossanlage aber auch zu den touristischen Anziehungspunkten der Stadt. So kommt es, dass sich nicht nur bei schönem Wetter die Besucher in Massen durch die perfekt instand gehaltenen Räume und die wunderschöne Gartenanlage bewegen. Um sich für die anstrengende Besichtigungstour mit ausreichenden Kraftreserven zu versorgen, empfiehlt sich vorab ein Halt bei der Metzgerei Franz in der Fürstenrieder Straße. Die Semmeln mit Wammerl (geräucherter und im Anschluss im Rohr gebackener Schweinebauch) zählen zwar nicht gerade zu den Diätprodukten, sind aber eine Sünde wert. Wem der Sinn eher nach Süßem steht, für den hält das zugehörige Café sicher das Passende bereit.

Der Münchner Norden gehört zu den touristisch stark vernachlässigten Gebieten, doch auch hier sind sehr sehenswerte Bereiche, durch die sich ein Bummel durchaus lohnt. Feldmoching hat eine russisch-orthodoxe Kirche und hübsche Gotteshäuser für die Katholiken, die großteils noch gut erhaltenen alten Bauernhöfe betonen den dörflichen Charakter. Ein Spaziergang an dem durch Feldmoching laufenden Würmkanal entlang ist Entspannung pur, die Hektik der Großstadt nicht zu spüren. Der Kanal stellt die Verbindung zwischen Schloss Schleißheim und dem Flüsschen Würm her, die über das bereits 1687 erbaute Nymphenburger Kanalsystem direkt zum Schloss Nymphenburg fließt. Der Stadtteil Freimann ist den meisten Besuchern lediglich als Staupunkt auf der Autobahn A9 Nürnberg-München ein Begriff und aufgrund der Allianz-Arena, doch hier liegt der nördliche Übergang in das mondäne Schwabing, was sich auch in der Bebauung zeigt. In den etwas abseits der Hauptstraße befindlichen Wohngebieten sind noch die eleganten alten Villen in Traumgärten und hübschen kleinen Häuser aus den vergangenen Jahrhunderten zu sehen.

Ein sehr ursprünglich gehaltenes Lokal, an dessen Namen sich der Nichtbayer wahrscheinlich die Zunge bricht, ist das „sakrisch guat“, auf Hochdeutsch „sehr gut“, an der Freisinger Landstraße. Hier treffen sich noch immer Urbayern, die Speisen sind deftig, die Portionen riesig. Wer sich als Tourist in dieses Lokal wagt, wird feststellen, dass im Bayrischen die Höflichkeitsform „Sie“ nicht existiert und sich das auch bei einer Anrede von Gästen in der örtlich üblichen Fremdsprache nicht ändert. Auf der Tageskarte stehen je nach Jahreszeit so merkwürdige Gerichte wie „Schwammerlsuppn“ (Pilzsuppe), Fleischpflanzl mit Erdapfelsalat (Frikadelle mit Kartoffelsalat), Gelbe Rüben (Karotten), Reherl (Pfifferlinge) oder auch Krautwickerl und Blaukraut (Kohlrouladen und Rotkohl). In dem Lokal trifft das Klischee, dass die Bayern ein kleines räuberisches Bergvolk sind, dass sich von durchreisenden Touristen ernährt sicher nicht zu – im Gegensatz zu vielen der Innenstadtgastronomien, insbesondere zur Dult- und Oktoberfestzeit. München ist eine Metropole voller Überraschungen, mit rustikalem Charme, leicht dörflichem Charakter und pulsierendem Leben.

Andrea Larius

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