Paragliding in Lüsen, Südtirol

- Ein Reisebericht -

„Über dem Lüsener Kirchturm bitte wenden“, rauscht und knackst es aus dem Funkgerät an meinem Helm. Die Sonne steht bereits tief im Tal, lange Schatten geben den Berghängen der Plose scharfe Konturen. Nur der Gipfel des Peiterkofel im Hintergrund wird noch vollständig von der Abendsonne bestrahlt. Ich weiß, in diesem Moment ist mein Traum in Erfüllung gegangen. Ich fliege. Ohne Motor, ohne Antrieb, ohne einer Glasscheibe vor meinem Gesicht. Nichts trennt mich von der Natur, dem Wind, dem Leben. Lautlos, frei wie ein Vogel schwebe ich durch die Luft.

„Wenden!“ Ich befolge die Anweisung, zögerlich, und mein Gleitschirm neigt sich in eine leichte Rechtskurve. Ich wage einen Blick unter mich. Vereinzelt erblicke ich Fußgänger, die jetzt noch durch das Südtiroler Örtchen Lüsen schlendern. „Mehr Bremse rechts, stärker ziehen und Körpergewicht verlagern“, brüllt mir mein Funkgerät entgegen. Wie in Trance gehorcht mein Körper und mein Schirm dreht mit mir Richtung Brixen, dem Landeplatz entgegen. Dort eingeschwebt, sehe ich in den Augen der anderen Piloten dasselbe Leuchten, das ich in meinen eigenen vermute. Niemand bemüht sich, seine Freudentränen zu verbergen. Lachen, Freudenschreie oder eben auch Weinen, alle Reaktionen sind dabei, als die Flugschüler nach ihrem ersten alpinen Höhenflug landen.

Wir alle nehmen an der Dolomiten-Höhenflugschulung der „Flugschule Papillon“ teil und wollen in dieser Woche unsere A-Lizenz erwerben, mit der wir dann weltweit selbstständig Gleitschirmfliegen dürfen.

Im Schuttlebus, der uns zurück zu unserer Unterkunft, dem Tulperhof, bringt, wird wild geschnattert. Jeder will sein eigenes Abendteuer vom ersten Flug erzählen. Wir fühlen uns wie Helden, und ich ahne bereits, dass die Geschichten der heutigen Erlebnisse mit den Jahren und jedem weiteren Erzählen immer gigantischer, immer heldenhafter werden. Später wird sich niemand mehr an den Adrenalin-Rausch und die Aufregung vor eben diesem ersten Flug erinnern. Schon jetzt sind unsere Blutbahnen so randvoll mit Dopamin und Endorphinen - das Adrenalin langsam abgebaut - dass wir schmerzende Wangen vom zwanghaften Dauergrinsen bekommen haben. Und Hunger.

Als wir am Tulperhof ankommen, hat „Tante Erna“ bereits unser 3-Gänge-Abendessen gezaubert. Wie die eigene Oma, steht sie am Herd und brutzelt die letzten Schnitzel. Die Spaghetti Bolognese als Vorspeise werden ausgeteilt, sobald wir die Gaststube betreten. „Kommt rein, ihr Lieben, ihr müsst ja völlig verhungert sein, nach so einem Tag!“ ruft Erna aus der Küche und fühlt sich gleich noch mehr wie eine Großmutter an. Das Prädikat „familiär“ trifft selten so exakt auf einen Gasthof zu wie diesen. Auch die Zimmer sind gemütlich eingerichtet und stahlen durch die Holzmöbel und den Parkettboden Wärme aus. Vom Balkon genießt man, ebenso wie von der Gaststube, der Bar und der Lounge, einen traumhaften Blick über das gesamte Lüsener Tal und die gegenüberliegende Plose.

Die nächsten Tage verlaufen nach einen typischen Rhythmus: Morgens gemeinsames Frühstück und Briefing. Wir besprechen die Wetterlage, die Flugaufgaben, bekommen Tipps von unseren Fluglehrern. Dann legen wir die Gleitschirme aus. Der Startplatz – eine große, flach-geneigte und hindernisfreie Wiese – befindet sich direkt vor dem Tulperhof. Im Laufe des Tages verbessern wir unsere Starttechnik, fliegen „Achten“, „optimale“ Kreise, trainieren „Bestes Gleiten“ und „Geringstes Sinken“ und feilen an der Landeeinteilung. Abends sitzen wir zusammen an der Bar und analysieren unsere Startläufe, die unsere Fluglehrer tagsüber auf Video aufgezeichnet haben. Kurz gesagt: Wir bereiten uns auf die praktische Prüfung am Ende der Woche vor und haben dabei unvorstellbar viel Spaß.

Mit jedem Flug sinkt die Anspannung. Je weniger ich mit meiner eigenen Aufregung und den grundlegenden Flugmanövern beschäftigt bin, desto mehr nehme ich von der Umgebung wahr: die saftgrünen Wiesen, ein paar Kühe, die Gehöfte am Hang und wie sie selbst aus vergleichsweise geringer Flughöhe schon winzig wirken. Wie klein die wenigen Autos und Menschen scheinen. Wie unbedeutend der Alltag von hier oben ist. Wie sich die Perspektive – auch wörtlich – verändert. Wie wunderbar frei mein Kopf wird, wenn er sich ausschließlich mit 2 Dingen beschäftigen muss: Steuern und Staunen. Wie als Kind, ist die Welt von hier oben wieder ein einziger Abendteuer-Spielplatz, den es zu entdecken gilt.

Am letzten Tag ist es soweit: Nach bestandener Prüfung steht mein erster Thermikflug an. Die meisten Teilnehmer sind bereits am Vormittag abgereist und so genießen wir wenigen Verbleibenden eine besonders intensive Betreuung und Schulung durch unsere Fluglehrer. Dank ihrer Hilfe über Funk finde ich schnell den Einstieg in die Thermik. Ohne intensiver darüber nachzudenken, drehe ich einen Kreis nach dem anderen und werde dabei wie in einem Fahrstuhl nach oben getragen. Das Ruckeln an der Schirmkappe und der schnelle Aufstieg beunruhigen mich noch, bin ich doch bisher ausschließlich den Abflug in ruhiger Luft gewöhnt. Ich traue mich kaum, meine Augen vom Startplatz unter mir zu lösen, weil ich befürchte ihn aus den Augen zu verlieren. Schließlich wage ich es und werde mit einer Aussicht belohnt, die ich mir am Anfang der Woche noch nicht einmal vorstellen konnte. Ich befinde mich nur wenige hundert Meter über dem Startplatz und mein Blick reicht von den Felszinnen der Dolomiten über das Pustertal bis hin zu den vergletscherten Zentralalpen. Südtirol aus seiner schönsten Perspektive.

Erlebnisse wie diese schweißen enger zusammen. Die Gruppe wurde während dieser Woche eine Gemeinschaft. Wir teilen Erfahrungen, die so intensiv sind, dass sie ein Außenstehender schwer verstehen könnte. Es gibt „Alltag“ und dann gibt es Wochen wie diese. Und solche Wochen bleiben für immer.

Doch auch wer nicht Gleichschirm fliegen möchte, findet in und um Lüsen zahleiche Freizeitmöglichkeiten für einen aktiven Urlaub, wie Wandern, Mountainbiking, Nordic Walking oder im Winter Skilanglauf. Die nahe gelegene Plose ist ein beliebtes Wintersportgebiet. Für eine Abkühlung im Sommer sorgt der Natur-Badesee in Lüsen und auch die große „Aquarena“ mit Frei- und Hallenbad sowie Sauna und Fitnessbereich in Brixen ist nicht weit entfernt. Zum Shoppen und Bummeln empfiehlt sich ein Ausflug nach Brixen, Bozen oder Meran.

Lisa G.

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