Skiurlaub in der Hohen Tatra

- Ein Reisebericht -

Wo in Europa kann man am günstigsten Skiurlaub machen? Die Alpen? In den Dolomiten? Vielleicht, wenn man vor Ort wohnt. Für alle Anderen lohnt sich der Blick nach Osten. Genauer: in die Slowakei. Vor allem, wenn man dem Winterurlaub bis zu Beginn der Nebensaison warten kann.

Im Laufe des Vormittags, wenn die Skibusse die bewegungswütigen Angereisten an ihren Pensionshaltestellen auflesen um sie bis vor die Talstation in Tatranská Lomnica zu kutschieren, treffen dutzendköpfige Kleinkinderscharen auf stilbewusste Individualisten. Warteschlangen gibt es trotzdem nicht. Es ist Anfang März. Die Ferien in der Slowakei sind passé. Das Weiß der Pisten wird zwischen Nebensaisonlern aufgeteilt. Die Bedingungen also sind optimal – nichts wie rauf auf den Berg!

Die automatischen Türen der Gondel klappen hölzern zu. Die Zugkraft zieht an der Kapsel und katapultiert sie aus der Talstation heraus. Voraus öffnet sich die Landschaft. Die Gondel hangelt sich strebsam auf- und vorwärts. Zwischendrin: Pisten, Sonnenanbeter, Liftstationen und Nadelbäume. Da – ein Elch, zwei!

Die Berge, Lomnicky Štít und die benachbarten Gipfel und Hänge ragen schroff und unwirklich durch die nebulöse Flut, die seit dem ersten Blick vom morgendlichen Balkon aus nicht gewichen ist – heute keine klare Sicht vom Gipfel. Dafür die Piste unter einem, breit und mittelschwer an dieser Stelle und allein zweitausendzweihundert Meter Abfahrt zwischen Skalnaté Pleso auf 1751 m und der Station Štart auf 1173 m – unter einem in fünfzehn Meter Tiefe, wie sie erst von rechts kommt und man bereits weiß, wie viel schneller man gleich herunter sausen wird. Während man in einer der gepolsterten Figuren dort unten bereits das eigene Ebenbild erahnt und die Piste unter dem wandernden Schatten der Gondel allmählich zur Linken schwenkt, weiter ansteigt.

Halbhohe Kiefern, aufsprießende Setzlinge, bedeckt von Schnee, mit Spuren von Tatzen und Läufen.

Den Tag zuvor in Strbské Pleso, oben auf der Chata pod Soliskom (1840 m), während man auf seinen Sauerkrauteintopf wartete und die Ansichtskarten an der Kasse unter die Lupe nahm, waren da auch Luchs und Grauwolf. Und man gluckste erleichtert auf, zufrieden, dass man die Entscheidung, die paar hundert Meter von der Pizzeria in Horny Smokovec zur Pension im fahlen Licht der Mobilfonkamera am Abend zuvor zu Fuß zurückzulegen - die restlichen Pizzastücke eingepackt dabei - nicht bereute und legte die Karten mit mulmiger Beruhigung wieder zurück in den Ständer- da duftete schon der Eintopf. Herrlich. Aber für den Laien sehen eben alle Spuren gleich aus.

Und dann ist man auch schon oben. Es ist bereits Anfangs März, weite Teile der Pisten sind ohne Einsatz der Schneekanonen gar nicht mehr befahrbar. Und dazu war der Winter hier dieses Jahr sowieso nicht so gut, wie einem der ältere Herr später an der kleinen Blockhütte verraten wird, während er Tee aus seiner Thermoskanne herumreicht und in gebrochenem Deutsch mit einem Lächeln antwortet. Und jetzt ist man hier, auf 1751 m.

Behutsam stakst man aus dem Halbdunkel der Liftanlage, am Restaurant vorbei, mit klobigen Stiefeln über den feuchten Fliesenboden, in die gleißende Helligkeit, die einem draußen durch das grelle Loch in der Wolkendecke entgegenschlägt. Als wenn die Sonne soeben mit dem Finger ein Loch hindurch gestochen hätte.

In leisem Knirschen verrinnen die ersten Minuten der Abfahrt. Zaghaftes Navigieren zwischen linker und rechter Fahrbahnseite – Linkskurve, leicht in die Knie gebeugt. Und rechtsherum am Berg vorbei, ganz weit außen in der Spur, einen halben Meter noch bis zum Sicherheitsnetz. Dahinter freier Fall. Und noch ein paar Meter und dann wieder links. Ging doch schon ganz gut.

Wie auf ein Zeichen hin reißt die Wolkendecke wieder auf und badet den Pistenabschnitt vor einem in grellen Sonnenschein. Nach den ersten Metern sind die Beine noch nicht recht eingefahren, es fällt sichtlich schwer die brodelnde Abfahtslust in die Schranken zu weisen. Wie gut, dass das Erste-Hilfe-Schneemobil einen sanft aber bestimmt in die Realität zurückholt und auf die Eventualitäten überhöhter Geschwindigkeit bei mangelnder Kurvenkontrolle hinweist, wie es so sirenenhaft die Krankentrage zuerst den Berg hinauf und an einem vorbei wieder herunterschleift und man noch bei sich denkt, dass allein die Beförderung darin, den Berg hinab, wohl einen bleibenden Eindruck hinterließe.

Also wartet man, konzentriert sich wieder ein Stück mehr. Die Stöcke in den Händen. Den Blick gebannt hinunter über Kurven, gerade Abfahrten (die Kurven verschwinden hinter den Bäumen) und das weitreichende Tal, bis hinten, am Horizont, schon die Niedere Tatra emporschießt, in vagen Umrissen eine feste Grenze bildet und – Umsehen nicht vergessen – weiter!

Das Essen ist natürlich ausgezeichnet hier. Das kann man anders gar nicht sagen. Jeder der sich an einer heißen Suppe, Pizza, Germknödeln, Hirschgulasch erfreuen kann und auch den etwaigen Absacker nicht verachtet, findet hier das berühmte Ski-Eldorado für sich wieder. Der wahre Pioniergeist im hungrigen Bergsportler allerdings bricht sich seine Wege in mutigen Entscheidungen in der Mittagspause. Abseits der stromlinienförmigen Gerichte aus aller Herren Länder findet sich dann durchaus noch das ein oder andere Juwel. Und jeder der übereinstimmt, dass das Herz einer Kultur sich am besten auf dem Teller erforschen lässt, wirft schon einmal einen gewagten Blick auf Nachbars Speiseplatte.

Nie – und ich betone das mit einem lachenden und einem weinenden Auge – käme man sonst in den Genuss einer Knoblauchsuppe mit herzhaftem Schmelzkäse auf dem Schüsselgrund. Und dann wäre dann noch dieses andere Gericht, dessen appetitlich anmutende, knusprig glänzende Speckwürfel sich auf der Zunge angekommen schlagartig in eine ölige, ranzige Lache auflösen. Egal – Schnaps bitte!

Da helfen dann auch die Nockerln nicht weiter.

Schnaps! Avanti!

Nationalgerichte habe eben auch etwas mit Gewöhnung zu tun.

Und eine Nacht in der spartanischen Herberge sorgt schließlich für mehr Erholung, als der Drang wach zu bleiben abzuwehren im Stande wäre. Im Nu klappen die müden Augen befriedigt zu. Der Knoblauch entfaltet still und leise seine volle Wirkung.

Und der nächste Tag sendet bereits seine vielversprechenden Strahlen durch die doppelten Fenster und wärmt die Wangen, die nicht das Glück haben noch etwas unter der Decke lungern zu dürfen. Bleiben vier weitere Tage. Wie gut, dass man immer noch am Anfang der Reise steht.

Ch.Weiß

Tatranská Lomnica

Unsere Servicezeiten:
Montag - Donnerstag: 09:00 - 22:00 Uhr
Freitag - Samstag: 09:00 - 20:00 Uhr
Sonn- & Feiertage: 11:30 - 20:00 Uhr

Jetzt anrufen!