Spätsommer im Vinschgau

- Ein Reisebericht -

Latsch

Der Sommer 2011 hatte Deutschland wahrlich nicht mit hochsommerlichen Temperaturen verwöhnt. Die Tage wurden bereits kürzer und unser Bedarf, Sonne für die langen Wintermonate aufzutanken, wies ein großes Defizit auf. Wir sind Sonnenanbeter, meine Frau und ich, und wir mussten etwas unternehmen. Oft schon waren wir in Richtung Korsika über den Brennerpass und Bozen nahe der lieblichen Region Vinschgau in Norditalien vorbei gefahren. Wir recherchierten ausgiebig im Internet und erfuhren, dass dieses Tal von dreihundert Sonnentagen im Jahr verwöhnt wird. Das machte neugierig!

Wir sammelten Informationen zu den Kurzentren Meran und Schenna, durchwanderten in Gedanken das Tal von Partschins bis zum Reschenpass mit seinem riesigen Apfelanbaugebiet und liefen auf den Waalwegen von Ort zu Ort. Waalwege? Wie viel Unbekanntes würden wir noch erfahren und unser Klick von einer Webseite zur anderen füllte die nächsten Abende. Nun wussten wir, dass wir auf Merans Kurpromenade die Exklusivität eines weltbekannten Kur- und Musikortes erleben, aber auch Hochgebirgstouren zum Stilfserjoch oder anderswo bis über 3000m planen könnten. Unser Schwerpunkt sollte jedoch bei gemäßigten Wanderungen liegen und wir wollten Land und Leute mit ihren Lebensgewohnheiten inmitten der Landwirtschaft kennen lernen.

Es sollte eine selbstorganisierte Reise werden, aber unsere kurzfristigen Buchungsversuche für in Meran und Umgebung waren vergeblich. Deshalb verlegten wir unser Ansinnen immer weiter westwärts in Richtung Reschenpass, erhielten Absagen oder gar keine Antwort und unsere Freude war riesig, als wenige Tage später eine E-Mail aus Tarsch bei uns eintraf. Familie Kofler bot uns eine Ferienwohnung in ihrer Residenz „Haus am Berg“. Wir brauchten nicht lange überlegen, die Internetseite stellte die Grundrisse ihrer Ferienwohnungen vor, beschrieb die Umgebung und wenige Zeit später war die Buchung perfekt.

An einem leider wieder verregneten Samstag näherten wir uns unserem Reiseziel. „Ihr müsst über den Reschenpass fahren“, hatten uns Bekannte geraten. Von Leipzig aus kommend hätten wir wie immer unsere Route über München, Innsbruck und den Brennerpass gewählt. Am Samstag als Anreisetag wäre vor allem das Gebiet um den Brenner sehr stark befahren gewesen und deshalb hatten wir diesen Rat befolgt. Wir hatten den Mittleren Ring in München gewählt, dann die A96 bis kurz vor Garmisch-Partenkirchen und von hier aus fuhren wir über Imst und Landeck (Österreich) nach Reschen. Um die Landschaft besser in unsere Sinne aufnehmen zu können, mieden wir die österreichische Autobahn. Die Bundesstraße verläuft ohnehin fast nebenher. In Reschen mit seinem riesigen See lenkte der im Wasser stehende Kirchturm unsere Blicke auf sich. Er ist das Andenken an eine Zeit, in der bedenkenlos ein See aufgestaut wurde, um Strom zu erzeugen und der in den fünfziger Jahren die Menschen eines ganzen Landstriches in den Ruin getrieben hatte.

„Laatsch“, „Prad“, „Laas“, „Schlanders“ – die Ortsnamen muteten etwas eigentümlich an. „Goldrain“ hob sich davon merklich ab und als wir in „Latsch“ ankamen, wussten wir, dass wir nach zwei Kilometern bergauf unser Ziel „Tarsch“ erreichen würden.

In Latsch gerieten wir in einen große Menschenauflauf und erst später erfuhren wir, dass an diesem Tag gerade ein Crosslauf über fast 800 Kilometer in mehreren Tagesabschnitten hier seinen Zieleinlauf fand. Als wir an der Pension „Haus am Berg“ ankamen, fanden wir den Zimmerschlüssel, sorgsam in einen Briefumschlag und mit unserem Namen beschriftet, an die Eingangstür geklebt. Die Gastgeberin entschuldigte sich, dass sie nicht anwesend sein konnte. Wie wir am nächsten Tag von ihr erfuhren, engagiert sie sich stark im Fremdenverkehrsverein und war mit Aufgaben während dieses Zieleinlaufes betraut worden.

Wir bezogen unsere gemütlich eingerichtete Ferienwohnung. Sauber und mit allem ausgestattet, was der Feriengast als Selbstverpfleger brauchen würde. Der Austritt auf einen großen Balkon gewährte uns ein erstes Staunen über die gegenüberliegende Bergwelt mit der Seilbahn und der Kapelle St. Martin in fast 2000 Metern Höhe. Was lag also näher, als den Tag gemütlich bei einem Glas Rotwein und diesem herrlichen Ausblick ausklingen zu lassen.

Am nächsten Tag erkundeten wir auf der ersten Wanderung den Waalweg von Latsch nach Kastellbel. Aus der Lektüre, die wir in der Pension in reicher Auswahl vorgefunden hatten, wussten wir nun auch über die Entstehungsgeschichte dieser „Waale“ Bescheid. Der Vinschgau ist ein extrem regenarmes Gebiet und eignet sich andererseits durch seine klimatischen Bedingungen vorzüglich zum Obstanbau. So befindet sich im Martelltal Europas größtes Anbaugebiet von Erdbeeren und wir hatten auf unserer Hinfahrt bereits die mindestens 80 Kilometer sich dahin streckenden Apfelplantagen kennen gelernt. Die Waale sind Wasserrinnen, die in früheren Jahrhunderten von den Obstbauern unter schwierigsten Bedingungen an den meist felsigen Hängen angelegt wurden, um das Wasser der Gebirgsbäche zu den Feldern zu leiten. Sie erfüllen auch heute noch, mittlerweile oft modernisiert, aber immer noch in ihrer ursprünglichen Form erhalten, ihren Dienst. Entlang dieser Waale führen die meist schmalen Waalwege den Wanderer durch den Vinschgau. Schloss Kastellbel konnten wir leider nur von außen betrachten, denn unser Kurzurlaub ließ nicht genügend Zeit, um an den wöchentlich einmal stattfindenden Führungen teilzunehmen. Aber bereits diese mittelalterliche Anlage, dazu Apfelplantagen, Weinhänge und farbenfroh bepflanzte Gärten in Kastellbel gaben uns einen ersten Eindruck in die Lieblichkeit des Vinschgaus.

Nach einem Tag des Ausruhens fuhren wir nach Meran. Im Unterschied zu den meist ländlich geprägten Orten des Vinschgaus erleben Kultur, Wellness und Tourismus hier ihren Höhepunkt. Wir bummelten, so gut es trotz des unablässigen Menschenstromes ging, durch die Ladenstraßen. Dennoch blieb Zeit, die oft reich verzierten Fassaden und Malereien an den altehrwürdigen Häusern zu betrachten. Die vielen Geschäfte boten vor allem Mode, Schmuck und Andenken für den etwas reicher gefüllten Geldbeutel. Nach einer Stunde war unser Pensum am Erleben städtischen Flairs gedeckt und wir empfanden es als äußerst wohltuend, als unser Stadtrundgang in den Elisabeth-Park mündete. Hier und auf der angrenzenden Kurpromenade empfängt den Besucher der Stadt eine ruhige Atmosphäre entlang des Flüsschens Passeier.

Nach diesem Besuch in Meran füllte eine Wanderung auf dem Schenner Waalweg im nur wenige Kilometer entfernten Schenna den zweiten Teil unseres Tages. Wieder erlebten wir die ausgedehnten Apfelplantagen und gewannen den Eindruck, als ob der Vinschgau alle Welt mit Äpfeln beliefern wollte.

An den nächsten Urlaubstagen genossen wir wieder die bergige Landschaft entlang der Obstplantagen, fuhren zu einer Alm in mehr als 2000 Metern Höhe und erlebten die urige Biergarten-Atmosphäre im „Bierkeller“ Latsch. Wir nutzten die Seilbahn, um nach St. Martin aufzufahren und von dort aus zum „Dolomitenblick“ zu wandern. Schließlich, nach einer Woche, mussten wir leider schon wieder unsere Koffer packen.

In einem halben Jahr sehen wir uns wieder, lieblicher Vinschgau. Dann blühen in der zweiten Hälfte des April auf zirka achtzig Kilometern Wegstrecke die Apfelbäume. Das wollen wir erleben.

Wolfgang Herzog

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