Straßburg – Kurzurlaub ins Mittelalter

- Ein Reisebericht -

Direkt hinter der deutschen Grenze, gegenüber von Kehl am Rhein, liegt das 12 v.Chr. von Drusus als militärischer Außenposten unter dem Namen Argenoratum gegründete Straßburg mit dem fast vollständigen mittelalterlichen Kern. Selbst bei schlechtem Wetter fasziniert das Zentrum, welches von Kehl kommend allerdings auf den ersten Blick nicht ganz so einfach zu finden ist, da sich Erstbesucher in der Regel mangels ausländerfreundlicher Beschilderung statt in Richtung Münster in Richtung Hauptbahnhof orientieren, einer ausgesprochen hässliche Gegend. Gerade wer seine Reise selbstorganisiert muss hier besonders aufpassen, dass er nicht mangels der richtigen Informationen eine unfreiwillige Stadtrundfahrt durch die unattraktiven Bereiche von Straßburg macht.

Ist der Stadtmittelpunkt um die Cathédrale Notre Dame, dem Liebfrauenmünster, gefunden, sollte die Besichtigung dieser beeindruckenden Kirche nicht versäumt werden, es handelt sich um einen nicht nur architektonisch interessanten Bau, der auch bei einem selbstorganisierten Besuch im Programm nicht fehlen darf. Durch seine Errichtungszeit von 1176 bis 1439 enthält das Münster sowohl romanische als auch gotische Stilelemente, der 142 Meter hohe Turm war bis 1874 das höchste Bauwerk der Welt, heute ist die Kirche noch immer das größte Sandsteingebäude der Erde. Die alten Bleiglasfenster aus dem 12ten und 14ten Jahrhundert beeindrucken durch ihre Farbenpracht, die astronomische Uhr von 1353 durch ihre präzise Technik, als einziger Zeitmesser der Welt schlägt sie die dreizehnte Stunde. Selbst der nicht ganz so auf Kultur eingestellte Tourist bedarf mehr als nur zehn Minuten für den Besuch des Bauwerks, der leichte Gigantismus des Gebäudes mit seinen verschiedenen Kapellen, Altären, Denkmälern und Skulpturen beziehungsweise Skulpturengruppen und dem Wandteppich benötigt sogar bei einer flüchtigen Betrachtung Zeit.

Das am Marktplatz, nördlich vom Dom stehende, um 1427 errichtete Kammerzellhaus mit seiner von 1589 stammenden Schnitzfassade gehört zu Europas schönsten Häusern in Fachwerkbauweise, die noch im gotischen Stil erhalten sind. Der ganze Marktplatz wirkt wie die Kulisse zu einem Mantel- und Degenfilm, währen nicht die vielen Touristen, könnte der Betrachter sich durchaus vorstellen, dass Jean D’Arc oder die vier Musketiere um die Ecke kommen. Die Wege vom Markt bis zur Ill sind mit sehr hübschen Häuserreihen gesäumt, ebenso wie entlang des Flusses sehr abwechslungsreiche Fassaden auf sich aufmerksam machen. Die Gebäude stammen teilweise noch aus dem Mittelalter beziehungsweise sind aus dem siebzehnten bis achtzehnten Jahrhundert. Zwischen vielen der Häuserreihen gibt es so enge Gassen, dass zwei einigermaßen normalgewichtige Menschen Probleme haben aneinander vorbei zu kommen. Leider benutzt offensichtlich ein Teil der Bevölkerung im Gegensatz zu Hunden und Katzen diese an sich sehr hübschen Verbindungswege als Toilette, sodass sich der Besucher nicht nur optisch, sondern bei hohen Temperaturen auch geruchstechnisch sehr intensiv ins Mittelalter zurückversetzt fühlt. Ein Historiker hat einmal gesagt, würde ein Mensch der heutigen Zeit ins Mittelalter versetzt, käme er nicht durch die hygienischen Umstände um, sondern stürbe am Gestank ….

Lohnend ist auch ein Besuch der Thomaskirche mit dem 1777 von Jean-Baptiste Pigalle entworfenen Mausoleum für Hermann Moritz von Sachsen (1696-1750), dem illegitimen Sohn von „August dem Starken“ (Kurfürst Friedrich August I von Sachsen (1670-1733)), mit der Grafentochter Maria Aurora von Königsmarck (1662-1728). Der Maréchal de Saxe, der französische Name des Moritz von Sachsen, war Generalmarschall von Frankreich und ein bedeutender Kriegstheoretiker während der Herrschaft Ludwigs XV, irgendwie wirkt sein Mausoleum wie ein Fremdkörper in der Kirche. Das ist insofern auch richtig, als dass dieses nicht für die nach einem Blitzschlag 1144 neu erbaute Gebetsstätte entworfen, sondern aus Paris mit dem Leichnam des Moritz von Sachsen hergebracht wurde. Ebenfalls zu den sehenswerten Elementen der protestantischen Thomaskirche zählt der romanische Sarkophag des Bischofs Adeloch, der bereits im neunten Jahrhundert an dieser Stelle das erste Gotteshaus mit angrenzender Schule errichten ließ oder das spätgotische Fresko des heiligen Michael, das zweitgrößte seiner Art auf französischem Boden.

Fast schon ein touristisches Muss, egal ob bei einer selbstorganisierten Reise oder im Rahmen einer Städtereise, ist das Gerberviertel (Petit-France und Quartier des Tanneurs), das auf einer Insel am Illufer liegt und sich auch über einige Seitenkanäle erstreckt. Hier sind die Häuser fast vollständig im Fachwerkstil erhalten geblieben beziehungsweise nach einer Störung wiedererstellt worden, die Dachgaben der Gebäude gehören fast schon zu den Wahrzeichen der Stadt. Der französische Name Tanneurs soll sich angeblich von den Weiden herleiten, die die Soldaten während ihres Genesungsaufenthaltes in dem sich damals auf der Insel befindlichen Militärhospitals für heilsam hielten. Eine andere Version erzählt, dass sich in der Militärklinik viele Soldaten der Syphilisbehandlung unterziehen mussten, einer bakteriellen Geschlechtskrankheit, die im Volksmund „Franzosenkrankheit“ hieß. Wer sich etwas außerhalb der Touristenrouten bewegt, findet in der Nähe des Gerberviertels wunderschöne, lauschige Plätze mit netten Cafés, die bei dem sehr milden Klima der Stadt fast ganzjährig ihre Stühle vor dem Lokal stehen haben.

Stellt sich während des Bummels durch Straßburg der Hunger ein, könnte dies zu einer kulinarischen Enttäuschung führen. Im Gegensatz zu ihrem Ruf ist die Elsässer Küche in vielen Lokalen der Stadt keine Reise wert, ganz auf Tourismus geprägt, finden sich auf einer großen Zahl von Speisekarte so internationale kulinarische Spezialitäten wie Schnitzel mit Pommes oder auch der allseits beliebte Hamburger zu den entsprechenden Touristenpreisen. Die guten Restaurants sind in der Regel nicht im Rahmen der typischen Besichtigungstouren zu finden, die Preise im Elsass allerdings generell auch nicht zu unterschätzen. Ein Tipp für den mehr oder minder kleinen Hunger sind Merguez im Fladenbrot oder Baguette, eine würzige französische Wurstspezialität sowie das Feingebäck in den verschiedenen Pastellarien ist für Naschkatzen durchaus zu empfehlen ist. Egal ob selbstorganisierte Reise, Pauschalreise oder Rundreise, Straßburg ist eine Stadt, die fasziniert – eine Mischung aus französischem Charme mit italienischem Flair.

Andrea Larius

Petite-France, Straßburg, Frankreich

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