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Taquile - Wo die Männer Mützen stricken

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- Ein Reisebericht -

Der Titicaca-See im andinen Hochland Südamerikas ist der höchste schiffbare See der Welt und gleichzeitig der größte See des Kontinents. Die Länder Peru und Bolivien teilen sich den See, der auf ca. 4.000 Metern über dem Meeresspiegel liegt. Beide Länder haben Inseln auf dem See, auf denen vor allem indigene Völker noch heute ein traditionelles Leben führen. Bolivien hat laut einer Statistik der GTZ aus dem Jahre 2005 mit 49,95% den höchsten Anteil indigener Bevölkerung, gefolgt von Ecuador mit 35% und Peru mit 15%.

Bei einem Besuch der Stadt Puno in Peru kann man einen Ausflug auf den Titicaca-See unternehmen und die Insel Taquile ansteuern, die eine dreistündige Bootsfahrt vom Festland entfernt liegt. Die Collectivo-Boote fahren jeden Morgen zwischen 7:30 und 8:00 im Hafen von Puno los. Auf dem Weg nach Taquile fährt man zuerst die Schilfinseln der Uros-Indianer an. Dieses indigene Volk lebt seit jeher auf den schwimmenden Inseln auf dem Titicaca-See, wo sie in kleinen Hütten aus Schilf leben und sich in erster Linie von Fischfang und Tourismus ernähren. Tagsüber, wenn die Touristenboote kommen, wirkt der Ort etwas skurril, denn Massen von Touristen bevölkern die kleinen, wackeligen Inseln, die unter den Menschenmengen zu sinken drohen. Man kann aus der Ferne kaum noch die Bewohner einiger Inseln ausmachen, da so viele NorthFace-Jacken und Nikon-Kameras die Sicht verstellen.

Die Reise nach Taquile führt weiter über den See, der in klarer Luft und kräftigem Sonnenlicht wirkt, als sei er nicht von dieser Welt. Die Wolken scheinen über den See zu tanzen, dicht über der Obenfläche, in immer wieder neuen Formationen. Der See liegt so ruhig und still, dass die Bootsfahrt weitaus ruhiger verläuft als eine Busfahrt in Peru. Wenn die Landzunge der hügeligen Insel Taquile umrundet ist und am Horizont die schneebedeckten Gipfel Boliviens sichtbar werden, ist die Fahrt zu Ende, und man kann am kleinen Anleger der Insel von Bord gehen. Bienvenidos a Taquile!

Die kleine Insel Taquile ist knapp 6 Kilometer lang und 1 Kilometer breit. Auf der Insel wohnen ca. 1.600 Menschen in 600 Häusern. Es gibt keinen Strom und kein fließendes Wasser, gekocht und geheizt wird mit Feuerholz. Die Insel ist hügelig, und viele kleine Pfade führen von Haus zu Haus und über die Felder, auf denen vor allem Gemüse und Kartoffeln angebaut werden. Die Bewohner der Insel, die Taquileños, gehören zum Stamm der Inka und sprechen Quechua und Spanisch. Sie leben ein sehr traditionelles Leben und beziehen sich auf alte Bräuche und Regeln der Inkazeit. Die Kinder lernen Spanisch in der Schule, in den Familien wird jedoch konsequent die indigene Sprache Quechua gepflegt.

Eines der traditionellen Gesetze der Inka besagt, man solle nicht stehlen, nicht lügen und nicht faul sein. Daraus hat sich für die Gemeinschaft der Taquileños ergeben, dass sie keine Polizei auf der Insel benötigen.

Eine weitere Tradition auf Taquile betrifft den Umgang zwischen Mann und Frau. Um sich gegenseitig zu ehren und zu respektieren, stellen die Bewohner der Insel seit Menschengedenken die Kleidung füreinander gegenseitig her. Die Frauen produzieren für die Männer, und die Männer stellen die Kleidung her, die die Frauen tragen. Daraus hat sich ergeben, dass die Männer von Taquile mit dem Handwerk des Strickens und Webens vertraut sind. Diese Arbeiten führen die Männer mit viel Talent und Stolz aus, und neben den Trachten für die Angebetete stricken sie ganz fleißig für die Touristen, die die Insel jeden Tag besuchen. Der Tourismus ist die wichtigste Einnahmequelle der Insel, und der Verkauf der handgefertigten Kleidung und Kunsthandwerke hat eine hohe Bedeutung. Das Bild irritiert – Männer stricken! Ganz öffentlich, ganz stolz, sehr professionell, auch im Gehen oder im Plausch mit dem Nachbarn halten die Herren die dünnen Nadeln in den Händen, die ein leises, wiederkehrendes Klack-Klack von sich geben.

Die meisten Touristen kommen nur für einen Tagesbesuch auf die Insel, der maximal drei Stunden andauert, weil die Boote schon gegen 14 Uhr wieder die Rückfahrt antreten. In dieser kurzen Zeit kann man zwar die strickenden Männer sehen, die bunten Mützen kaufen und viele Fotos von der beeindruckenden Schönheit der Insel schießen, einen Eindruck vom Leben auf der Insel kann man allerdings kaum erhaschen. Wir sind eine Nacht geblieben und haben uns bei einer einheimischen Familie einquartiert. Es gibt auf Taquile keine Hotels, und die Gemeinschaft der Taquileños hat die Unterbringung der Touristen unter sich organisiert, um wirtschaftlich möglichst unabhängig zu sein. Wir haben bei einer Familie gewohnt mit zwei Töchtern. Die Mutter zauberte und ein leckeres Abendessen mit einer Quinoa-Suppe und einem Kartoffel-Bohnen-Gericht auf den Tisch, der mit einer gewebten Tischdecke bedeckt war – ein 150 Jahre altes Familienerbstück. Der Vater erzählte stolz von der Kultur und der Geschichte der Insel und zeigte uns, wie seine Vorfahren ohne dem Wissen um Schriftzeichen Nachrichten und Erinnerungen verfassen konnten.

Nach einer ungewohnt ruhigen Nacht auf der Insel ohne Strom und Autos durften wir am nächsten Morgen mit der kleinen Tochter eine Wanderung zum anderen Ende der Insel unternehmen, wo die Großeltern leben. Dort war gerade ein kleines Lamm auf die Welt gekommen, was wir begrüßen konnten. Wir waren allein mit der Familie an diesem letzten, abgelegenen Ende der Insel. Es war fantastisch, die Insel zu erkunden in Begleitung einer echten, kleinen Taquileña, die ihren Job als Touri-Guide sehr gut verstand. Die Stunden zwischen dem letzten Touristenboot am Nachmittag und dem ersten Touristenboot am nächsten Morgen sind zweifellos die wertvollsten auf Taquile. Wer die Zeit hat, sollte sie sich unbedingt nehmen und eine Nacht auf der Insel verbringen. Als wir am nächsten Abend in Puno vom Boot gingen, hatten wir das Gefühl, wir seien für eine ganze Woche in einem fernen Urlaub gewesen. Unsere selbstorganisierte Reise nach Taquile war wirklich etwas Besonderes!

Mikelina

Taquile

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