Urlaub im buddhistischen Zen-Tempel Ryumon Ji

- Ein Reisebericht -

Eigentlich war es wohl keine "richtige" Urlaubsreise, mehr ein Ortswechsel in eine mir bisher ungewohnte

Umgebung. Zwei Wochen Urlaub lagen vor mir. Statt "Sonne, Meer und Strand" war mein Reiseziel ein kleiner

Zen-Tempel in Frankreich im Elsass. Seit einigen Monaten praktizierte ich regelmäßig einmal in der Woche

"Zazen" bei uns im Dojo in Baden-Baden. Im Frühjahr dieses Jahres nahm ich bereits an einer Sesshin im

Zen-Tempel Ryumon Ji teil. Danach beschloss ich, einen Urlaub als Auszeit von meinem fämiliären und berufli-

chen Alltag dort zu verbringen. Zeit haben, über ganz persönliches nachzudenken und dabei Gemeinschaft mit

anderen Menschen zu erleben,... mit oder ohne Worte, das wünschte ich mir.

Ich musste nicht besonders viel in meine Reisetasche packen: Kleidung für die Meditationszeiten, mein Sitz-

kissen ( Zafu ), eine kleine Schüssel, einmal Besteck und ein Küchenhandtuch für die gemeinsamen Mahlzeiten,

Arbeitskleidung, feste Arbeitsschuhe und einige persönliche Sachen. Für die Übernachtungen nahm ich Bett-

wäsche und meinen Schlafsack mit.

Der Zen-Tempel Ryumon Ji liegt mit dem Auto von Strasbourg kommend Richtung Paris in Weiterswiller.

Dort fuhr ich auf der Hauptstraße durch den Ort bis zum Restaurant "Les Trois Roses" und bog die erste

Straße danach links ab. Menschenleer war die kleine Straße, die ich 500 Meter weiter bis zum letzten Haus

auf der linken Seite fuhr. Ungewohnt still war es auch vor dem Haus und auf dem dazugehörigen Gelände,

als ich an der großen Haustür die Glocke läutete. Ein junger Mönch öffnete mir und begrüßte mich freundlich.

Da ich vorher schriftlich und telefonisch angemeldet war, erledigten sich die notwendigen Formalitäten schnell.

Der Mönch führte mich zu dem Zimmer, in dem ich mit einem anderen "Gast", einer jungen Frau, übernachten

durfte. Unterwegs begegneten wir mehreren Nonnen und Mönchen bei ihrer Arbeit. Etwa 15 Mönche und

Nonnen leben dauerhaft im Tempel und praktizieren die Tradition des Soto-Zen unter der Leitung von Meister

Reigen Wang-Genh.

Um 18.30 Uhr bereitete ich mich zum ersten Zazen in dieser Gemeinschaft vor. Von jetzt an folgte ich

einfach dem Rhythmus des Tempel-Lebens. Ich brauchte nicht auf meine kleine Uhr zu schauen. Zu allen

Mahlzeiten, Zazen oder Arbeitszeiten ertönte rechtzeitig eine Glocke. Da ich keinen schwarzen Kimono

besaß, zog ich einen dunklen Hausanzug an, nahm mein Zafu und ging durch die wunderschöne Garten-

anlage hinter dem Haus langsam den Weg zum Tempel-Gebäude. An mehreren Orten auf diesem Weg

standen verschiedene Bodhisattvas, bei denen ich mit einer Verbeugung kurz verweilte, so wie es hier im

Haus von allen praktiziert wird. Diese Augenblicke führen zur Stille und Besinnung, auch wenn man tagsüber

auf dem Weg vorbei geht.

Am Eingang des Tempels zog ich meine Sandaletten aus und stellte sie an die Seite zu den anderen Schuhen.

Dann betrat ich den Tempel-Raum, verneigte mich wieder und ging zu den für Gästen bestimmten Plätzen

an der Mauer, wo ich mich wiederum verneigte und danach mit gekreuzten Beinen auf mein Meditations-

kissen mit dem Blick zur Wand gerichtet setzte. Zazen bedeutet, bewegungslos, aufrecht, in der Haltung

Buddhas zu sitzen und den Blick nach innen zu wenden. Die ruhige und langsame Atmung half mir dabei.

Diese Körperhaltung führte mich so zu einer tiefen Konzentration. Um 18.45 Uhr hatte jeder seinen Platz ein-

genommen, der Zen-Meister gab ein Klangzeichen und wir alle saßen schweigend und bewegungslos. Anfangs

kamen Gedanken und Bilder, die aus meinem Unterbewusstsein auftauchten,... dann lösten sie sich aber wie

von selbst auf. Die Stille des Tempel-Raumes eroberte mich,... ich musste nichts denken,... ich musste nichts

fühlen,... ich war einfach da. Nach einem kurzen "Kinhin" ( gehen ) saßen wir wieder schweigend bis das Schlusszeichen ertönte. Nach einer weiteren Verneigung verließ ich mit den anderen Mönchen und Nonnen

den Tempel.

Schon um 22.00 Uhr war Bettruhe angesagt, was Claquettes ( Schlaghölzer ) kundtaten, da am nächsten

Morgen bereits um 6.00 Uhr die Weckglocke zum erneuten Zazen aufrief. Erst nach diesem und der

Morgenzeremonie wurde das traditionelle Frühstück eingenommen. Wir saßen mit gekreuzten Beinen an

niedrigen Tischen im Essraum und löffelten schweigend unsere Guenmai ( Reissuppe ).

Um 9.00 Uhr rief uns die Glocke erneut in den Tagesraum. Nach einer kurzen Zeremonie teilte uns ein

Mönch für verschiedene Arbeiten ein. Bis 12.15 Uhr verrichteten wir diese. Nach dem Mittagessen und einer

Mittagspause arbeiteten wir weiter bis 17.00 Uhr. Diese Arbeitszeiten nennen sich "Samu". So half jeder im Haus

mit, wo er gebraucht wurde oder etwas besonders gut konnte. Ich wurde zu meiner Überraschung in die Näh-

stube geschickt. Dort schneidert man Kimonos, die dann verkauft werden. Ein Mönch zeigte mir genau, wie ich

den Kragen zu nähen hatte, Stich für Stich,... was anfangs misslang, wurde wieder aufgetrennt und erneut

genäht. Kein großes Erfolgserlebnis! Doch nach und nach ging es besser. Ich durfte mich an den folgenden Tagen mit meiner Arbeit in den Tagesraum setzen. An einem großen Tisch wählte ich den Platz, an dem ich

vom Fenster genügend Licht für meine Arbeit bekam. Mehrmals gingen Mönche in diesem Raum ein und

aus und schauten verwundert zu mir. Später beim Mittagessen erfuhr ich, warum sie so schauten. Ich hatte

mich ausgerechnet auf den Stuhl gesetzt, auf dem sonst nur ihr zur Zeit abwesender Meister saß. Sie

baten mich, einen anderen Stuhl zu nehmen... Natürlich war ich gerne dazu bereit. Schließlich wollte ich ja

nicht ihr Meister sein... Alle Arbeiten verrichteten wir nach Möglichkeit ebenfalls schweigend. Gemäß der

Tradition im Soto-Zen geschieht Zazen somit fortgesetzt während jeder Tätigkeit. So können Körper und

Geist sich harmonisieren. So lerne ich mit Achtsamkeit in jedem Augenblick zu leben.

Seit diesem Urlaub nehme ich mich bewusster wahr und lebe stressfreier mit mehr mentaler Ruhe und

Gelassenheit. Dieser etwas andere "Urlaub" bleibt unvergessen.

Wer einige Tage zu einer Sesshin oder auch außerhalb dieser im Tempel Ryumon Ji Zazen praktizieren

möchte, sollte mindestens eine Woche vorher dort anrufen, einen Termin vereinbaren und sich über die

Kosten und den Aufenthalt informieren. Wer noch nie Zazen praktiziert hat, für den ist es unbedingt notwendig

vorher eine Einführung zu erhalten. Informationen zum Tempel Ryumon Ji finden Sie unter info@kosanryumon

ji.org im Internet.

Heidrun V.

Frankeneich

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