Von Sofas und Pfefferspray – eine Reise nach Barcelona

- Ein Reisebericht -

Wir sollten dieses Jahr unbedingt nochmal wegfahren, meinst du nicht?

Diese Frage stand im Raum, als ich mit meiner besten Freundin Mandy an einem verregneten Sommertag in einer stickigen McDonalds-Filiale hockte. Gemeinsam träumten wir uns an ferne Sandstrände, in kuschlige Hängematten unter Palmen, in exotische Länder mit noch exotischeren Cocktails. Sehnsüchtig hangen wir unseren Gedanken nach, bis endlich jemand auf den Tisch haute, wir den Schuppen verließen, uns an den nächsten Rechner setzten und nach einem ansprechenden und vor allem studententauglichen Flug suchten. Stockholm für 45,95€ der Flug – aber ohne Sonnenschein, Mallorca für 39,95€ – aber nur mit betrunkenen Deutschtouristen, Athen für 59,95€ –aber nur mit... Ok, gegen Athen ist im Grunde nichts einzuwenden. Doch dann fanden wir unser Traumangbot: Barcelona für 29,95€ pro Flug, wenn wir heute noch buchen. Gesagt, getan, gebucht – der Sommer war gerettet.

Wo übernachten wir eigentlich?

Das zu beantworten oder irgendwie zu lösen war weitaus schwieriger, als das Flugproblem. Doch schlafen mussten wir ja irgendwo, da kommen wir nicht drumrum. Ein Hotel? Nein, viel zu teuer für uns. Ein Appartement? Ach, das ist doch das gleiche in grün. Zu schick, zu teuer, zu einfach. Ein Hostel? Ohje, die günstigste Variante mit Sicherheit, aber sollte das auch wirklich die beste sein? Ein Schlafsaal geteilt mit 15 anderen schnarchenden, schwitzenden Touristen, die nachts 4Uhr von ihren Ausflügen in die falschen Betten fallen? Jetzt reichts, wir nehmen einfach ein Zelt. Barcelona hat doch Zeltplätze oder etwa nicht? Das ist genauso gut wie ein Hotel. Da haben wir unser Doppelzimmer mit Meerblick, für den Room-Service sorgen wir selbst. Und was ist mit Regen? Oder Sturm? Oder wilden Tieren? Ok, durchatmen, nicht verzweifeln.

Wer ist denn Ingo?

Drei Tage vor dem ersehnten Abflug kam dann auch die Angst, es gab noch immer keine Unterkunft. Die Verzweiflung trieb uns zu dieser sehr abwegigen Überlegung. Was wäre denn, wenn wir uns einfach bei einem Einheimischen einnisten? Wir lernen Land und Leute aus erster Hand kennen, haben ein solides Dach über dem Kopf und müssen nichts bezahlen. Und eine freie Couch hat ja wohl jeder bei sich herumstehen, oder etwa nicht? Der Entschluss war gefasst – wir wurden Couchsurfer. Auf der Internetseite fanden wir uns schnell zurecht und hielten nach unserem potenziellen Hoster ausschau. Eine Frau sollte es sein – oh, da sind ja kaum Frauen angemeldet. Na gut, dann eben ein Mann. Da wurde es schon leichter. Nach einigen Fehlversuchen bei Christiano, der uns gerne aufnehmen würde, wenn wir uns dafür um seine Wäsche kümmern, und Esteban, der zunächst ein Foto von den "zwei blonde Mädchen aus Germany" haben wollte, fanden wir endlich Ingo. Ingo kam ursprünglich aus der Schweiz, lebte jetzt seit ein paar Tagen in Barcelona und freute sich schon sehr auf ein bisschen Gesellschaft, die seine Sprache spricht.

Wo ist das Pfefferspray?

Ein mulmiges Gefühl lässt sich wahrlich nicht abstreiten, als wir durch in Innenstadt von Barcelona zogen, auf der Suche nach Ingos Haus. Der Tag vor der Abreise war doch eine Geduldsprobe für alle Beteiligten. Für Freundinnen, Familie und vor allem für unsere Freunde. Der Gedanke, wir würden allein bei einem uns völlig unbekannten Mann in einer uns völlig unbekannten Stadt auf der Couch schlafen, hatte wohl eine abschreckende Wirkung auf sie. Vom Absatzschuh über das Taschenmesser bishin zum Pfefferspray reichten die Vorschläge zur Abwehr gegen böse Mächte. Ich bezahl dir doch auch dein Hotel – hieß es am Ende verzweifelt. Doch unser Entschluss stand fest, wir ziehen das durch! Unser Mut reichte bis vor die Haustür, bis hinein ins Treppenhaus, bis ins Dachgeschoss vor Ingos Tür. Wir klingelten – den Absatzschuh schon in der Hinterhand.

Wo gehts danach hin?

Knarrend öffnete sich die alte Holztür zu Ingos Reich. Wir blickten ins Dunkel. Na ihr seid aber früh dran, schallte es uns entgegen. Ein hochgewachsener blonder Mann hockte auf dem Boden über dem Stadtplan von Barcelona. Um ihn herum, noch ganz in Schlafsäcke eingewickelt, schauten fünf junge Amerikaner über seine Schulter. Jetzt kommt schon rein, es wird auch gleich etwas leerer, dann könnt ihr euch ausbreiten. Vorsichtig setzten wir einen Fuß in die Wohnung und schon ging das Gewusel los. Einer der Jugendlichen schälte sich aus seinem Schlafsack und öffnete alle Fenster, offensichtlich wurde bis eben noch geträumt. Eine andere stellte sich an den Herd und begann zu kochen, eine zweite kam direkt auf uns zu und umarmte uns herzlich. Ich bin Tikka, wir kommen aus Washington und machen eine Rundreise. Woher kommt ihr und wo gehts danach hin? Mandy und ich ließen uns auf der kleinen Couch nieder und beobachteten die Szene, Ingo setzte sich bald zu uns. Die Fünf hatten kein Hostel mehr gefunden und Ingo hatte sie noch kurzfristig aufgenommen, obwohl er ungern mehr als zwei Personen in seine Einzimmerwohnung lässt. Sie kommen gerade aus Griechenland, waren jetzt für ein paar Tage in Spanien und ziehen heut oder morgen aber zumindest ziemlich wahrscheinlich weiter nach Italien. "Whaahh..." war das einzige, was wir noch hervorbrachten. Für so viel ausgelebte Reiselust gab es einfach nicht die richtigen Worte. Tikka reichte Ingo, Mandy und mir einen Teller mit Reis und Gemüse, andächtig aßen wir und staunten weiter. Gehen wir auf den Balkon, rief einer der Jugendlichen und nur zwei Minuten später fanden wir uns mit unserem spontanen Mittagessen auf einer Dachterasse über den Dächern von Barcelona wieder. Danach verabschiedeten sich die Fünf von uns und setzten ihre Weltreise fort. Mandy und ich traten die Couchnachfolge an und richteten uns häuslich ein.

Die nächsten zwei Wochen machten die Reise zu einer der besten unseres Lebens. Ingo zeigte uns alle geheimen Punkte der Stadt, wir lernten viele Barceloner kennen, tauchten ein in die Sitten und Gebräuche und erkundeten auf eigene Faust das Umland. Strand, Sonne, Dalí, Rambla, Miro, Mojito und Tequila-Houseparty – nichts ließen wir aus. Diese erste Couchsurfing-Reise bildete nur den Anfang einer langen Kette von Ausflügen, Wochenendtripps, Rundreisen und Spontaneinfällen auf den Sofas der ganzen weiten Welt.

Janina Woyach

Barcelona

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