Wahre Abenteuer erlebt man auf einer Apfelfarm

- Ein Reisebericht -

"Du hast nur nach dem Abi Zeit, um in der Weltgeschichte herumzureisen. Nur dann!"

Das habe ich mir nicht zweimal sagen lassen und plante einen mehrmonatigen Aufenthalt im Ausland. Kinder mag ich nicht, sozial-engagiert bin ich auch nicht, also blieb nur Work & Travel übrig. Und zwar in Australien. Für mindestens 8 Monate.

Nachdem ich wochenlang in Sydney verweilte, schließlich einen Job fand und hart in einer Kosmetikfabrik arbeitete, ging es für zwei Wochen nach Neuseeland. Dort wurde das hart verdiente Geld dann wieder auf den Kopf gehauen. Abenteuer erleben, kostet schließlich Geld. Viel Geld.

Daher musste der nächste Job her, der sich gar nicht so einfach finden ließ.

Die erste Faustregel bei der Jobsuche in Australien lautet: Erzähle jedem, den du triffst, dass du einen Job suchst. Irgendwer wird schon irgendwen kennen, der wiederum jemanden kennt, der gerade wen zum Arbeiten sucht.

Man muss zwar warten, aber vielleicht ergibt sich ja was, wie auch in unserem Fall. Ein Farmer in Stanthorpe, der für seine Äpfel berühmt ist, sucht jede Saison neue tüchtige Apfelpflücker.

Ohne zu wissen, was auf mich zukam, sagte ich zu und stieg in Brisbane in den nächsten Bus, der mich an den Granite Belt in Queensland befördern sollte.

Stanthorpe liegt 811m über dem Meeresspiegel und ist berühmt für seine Obstplantagen. Die Dame am Booking-Desk in Brisbane erzählte mir mit einem wissenden Lächeln, dass ich dort die besten Äpfel von ganz Australien pflücken werden würde, dass ich Wintermantel, Mütze und einen Schal benötige, ließ sie jedoch unter den Tisch fallen.

Bewaffnet mit Strohhut, Shorts und den schweren Arbeiterstiefeln mit Stahlkappen fuhr ich die knapp 230km von Brisbane rauf nach Stanthorpe.

Als ich nur noch alle 5 min. Häuser erblicken konnte und die Apfelplantagen immer zahlreicher wurden, konnte ich mir schon denken, dass wir uns so langsam dem Ziel näherten.

Der Bus hielt dann vor einem größeren Haus und ich dachte mir noch "Ach wie süß, der Busfahrer hält sogar für die alte Dame mitten im Nirgendwo, damit sie nicht so weit von der Bushaltestelle aus nach Hause laufen muss". Falsch gedacht! Das war es. Mein Hostel, wo ich die nächsten 2 Monate verbringen sollte. Das nächste Haus war einen Kilometer entfernt, das nächste Geschäft, tja, 20km?

Noch weigerte ich mich aus dem Bus zu klettern, aber als der Busfahrer schließlich meinen Koffer auf die wenig befahrene Straße stellte, musste ich wohl oder übel auch raus.

Ich lief dem verlassenen Hostel mit dem Namen "Summit Backpackers" entgegen, trat gerade mal einen Fuß auf die mit Kieselsteinen bedeckte Auffahrt und sogleich wurde ich von Leuten umringt. "Hallo! Bist du die Neue?" Wieso wissen die von mir? "Du wirst gleich eingecheckt. Hast du schon einen Job? Du wirst so viel Spaß hier haben". Ha ha, guter Scherz.

Untergebracht wurde ich nicht im großen Haupthaus, sondern in einem kleinen Häuschen daneben, was sie "Cottage" nannten. Es war sogar ganz niedlich, hatte mittendrin ein kleines Wohnzimmer mit Fernseher und vielen Sitzmöglichkeiten. Die Zimmer waren jeweils auf 3 oder 4 Leute begrenzt. Insgesamt machte das ganze Anwesen einen schönen, wenn auch verschlafenen Eindruck.

Das Mädchen, mit dem ich mir das Zimmer teilte, fing ohne Umschweife an mir etwas über die Hostelbetreiber zu erzählen: "Jesus Freaks, stark gläubig, total gestört, pass bloß auf, dass sie dich nicht auch mit in ihre Sekte ziehen wollen!" Und dann verschwand sie. Dass sie recht haben sollte, konnte ich dann später am eigenen Leib erfahren.

Der erste Arbeitstag wurde dafür genutzt, um eingearbeitet zu werden. Wie? Man muss lernen, wie man Äpfel pflückt? Ja, es gibt eine spezielle Technik, die angewendet werden muss, damit der Stiel nicht mit abgerissen wird, denn sonst sind die Äpfel "offen" und faulen schneller. Diese Technik diente auch dazu keine Dellen in den Apfel zu drücken und den Baum nicht von sämtlichen Zweigen und möglichen neuen Früchten, zu befreien. Außerdem musste gelernt werden wie der Traktor funktioniert, wie man die Behälter richtig beschriftet und, und, und.

Ein Arbeitstag begann um 7 Uhr morgens und endete, wenn die Sonne untergeht. In Australien ist das gegen 17 Uhr. Bezahlt wurde man nach gefüllten Behältern, nicht nach Stunde, weswegen man sich auch selbst einteilen konnte, wie viele Pausen man einlegen möchte und wie lange diese dauerten.

Der Arbeitstag wurde durch die gemeinen Temperaturen erschwert. Morgens, wenn die Sonne noch nicht ganz aufgegangen war, herrschten 5°C und in der prallen Mittagssonne konnten es schon mal 30°C werden.

In Neuseeland musste ich viel Geld bezahlen, um echte Abenteuer (so dachte ich zumindest) zu erleben. In Stanthorpe gab es sie umsonst. Ob es sich dabei nur den kleinen Adrenalinkick handelt, den man erlebt, wenn auf einmal eine riesige Spinne mit am Apfel hängt, oder eine wilde, rasende Horde Kühe auf einen zu gerannt kommt oder auch nur der Anblick von wilden Kängurus am Morgen, die in 10m Entfernung aus dem Tiefschlaf erwachen. Man kann sie ebenfalls erleben, wenn man Geld sparen möchte und trampt, auch wenn Familie, die Regierung und sämtliche Filme und Bücher davor warnen. Ein Platzregen, bei dem man bis auf die Unterwäsche nass wird, kann zu einem unvergesslichen Moment werden an den man sich sein ganzes Leben lang zurückerinnert. Verbündete werden gefunden, wenn man die teure Leiter mit dem Traktor zu Schrott gefahren hat und im hohen Gras verstecken möchte, oder wenn man den verbotenen Alkohol mit auf sein Zimmer schmuggelt, weil das Hostelpersonal denkt, dass es die Ausgeburt des Bösen sei.

Man muss keinen Haufen Kohle hinblättern, um einen wahren Abenteuer-Urlaub zu erleben, sondern einfach nur offen für Neues sein, sich auf etwas einlassen, auch wenn es am Anfang noch so schrecklich klingt. In meiner Zeit in Australien habe ich viele geführte Touren mitgemacht, in der es darum ging dem Guide hinterherzulaufen und interessiert zu nicken, wenn er auswendig gelernte Daten aufsagte. Allerdings war keine dieser Touren so schön und unvergesslich wie die Zeit in Stanthorpe, wo neue Freundschaften geschlossen wurden und man darüber hinaus auch viel mehr über Kultur und Menschen erfahren hat als in einem Museum oder sonst wo.

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