Weimar - Urlaub der besonderen Art

- Ein Reisebericht -

Herleshausen. Noch 90 Kilometer.

Die ehemalige Staatsgrenze der DDR ist schon zu sehen.

Nur ein Wachturm überblickt nach wie vor das Gelände, grau und bedrohlich. Die Kontrollgebäude sind zur Autobahnraststätte geworden, die Rampen, an denen sie uns "auseinander" genommen haben, sind verschwunden. Unvermittelt werde ich von einer vertrauten Angst überfallen, die Hände sind feucht, mein Herz schlägt bis zum Hals, Erinnerung an Demütigung und Willkür.

Ich fahre nach Weimar, Erfurt entfernt schmiegt es sich malerisch an den Ettersberg, der durch das KZ Buchenwald eine traurige Berühmtheit erlangte. 56000 Häftlinge haben hier ihr Leben gelassen, weithin sichtbar der Turm der heutigen Gedenkstätte.

Noch 3 Kilometer.

Weimar. Ich schnuppere, vermisse den vertrauten Geruch nach Braunkohle.

Langsam passiere ich den Historischen Friedhof mit der berühmten Fürstengruft, das Familiengrab der großherzöglichen Familie Sachsen-Weimar-Eisenach. Auf Wunsch von Carl August wurden die Dichter Schiller und Goethe ebenfalls dort beigesetzt. Schillers Sarg ist allerdings leer. Sein eigentliches Grab ist unbekannt. Trotz Exhumierungen und DNA-Vergleiche mit seinem Sohn ist die Zuordnung seiner sterblichen Überreste bis heute nicht geklärt.

Die Russisch-Orthodoxe Kapelle, das Denkmal der Märzgefallen, viele berühmte Persönlichkeiten haben hier ihre letzte Ruhestätte gefunden und sind ein Grund dafür, dass dieser Friedhof zu den meistbesuchten der Welt gehört. Sie teilen sich die geweihte Erde mit meinen Verwandten. Irgendwie macht mich das stolz, warum eigentlich?

Ein selbstorganisierter Urlaub. Ich habe ein Zimmer im Hotel Anna Amalia.Viele Sehenswürdigkeiten sind von hier zu Fuß erreichbar. Ich spüre eine leise Wehmut. Zum ersten Mal übernachte ich in Weimar in einem Hotel. Früher fuhr ich einfach nach Hause zu Oma, heute falle ich in eine Kategorie - selbstorganisierter Urlaub. Doch das liebevoll ausgestattete Hotel, der Blick aus dem Fenster in die schmale Geleitstraße, - doch, ich bin daheim!

Und mache das, was ich immer zuerst unternehme, wenn ich in Weimar bin: ich suche einen Bratwurststand.

Diese unvergleichliche Köstlichkeit ist es wert, dem geneigten Besucher aufzuzeigen, was VOR dem Verzehr einer echten Thüringer Bratwurst zu beachten ist.

Die Thüringer Bratwurst zeichnet sich dadurch aus, dass sie im Rohzustand einen absolut unappetitlichen Eindruck macht. Ungebrühte Masse in ca. 20 cm langen Naturdarm, eingedellt und formlos gleicht sie keineswegs der Wurst, wie sie üblicherweise in anderen Teilen der Welt als "Echte" verkauft wird.

Man legt sie in möglichst feuchtem Zustand auf den Holzkohlenrost. In Sekundenschnelle entfaltet sich das unansehnliche Stück zu einer prallen Wurst, die idealerweise einen Durchmesser von ca. 3cm aufweisen sollte, während ein unwiderstehliches Aroma augenblicklich die Speichelproduktion in Gang setzt. Um das Bratgut zu wenden, benötigt man keinerlei Instrumente. Mit nassen Händen wird die Wurst solange gerollt, bis sie dunkelbraun (auch an den Enden) und leicht eingerissen in einer knusprigen, aufgeschnittenen Semmel verschwindet. Nun bestreicht man das an beiden Seiten überstehende Wunderwerk mit gelb-grauem Senf, der aus Erfurt stammen muss.

Nun steht dem Hochgenuss nichts mehr im Wege.

Zutiefst befriedigt stehe ich mit meiner 2. Bratwurst vor dem Wahrzeichen der Stadt - das Goethe-Schiller-Denkmal. Das Staatstheater, daneben das Theater-Kasino, ein schickes Restaurant, nicht nur für den Imbiss nach der Vorstellung. Am Bauhaus-Museum tauche ich ein in die Schillerstraße. Viele junge Leute bevölkern die Fußgängerzone - Weimar ist eine Studentenstadt. Gänsemännchenbrunnen, das Schillerhaus, kleine Geschäfte - man geht hier erfrischend locker um mit der allgegewärtigen Kultur.

Ich lasse mich zum Marktplatz treiben, neben dem neugotischen Rathaus lockt mich das Ginkgo-Museum mit seinem exklusiven Shop. Ginkgos in allen Größen kann man hier kaufen. Dieser ursprünglich asiatische Baum wurde bereits um 1800 in Weimar auf Schloss Belvedere kultiviert. Er inspirierte den botanisch sehr interessierten Goethe zu manchem Gedicht. 1820 pflanzte man einen Ginkgo Biloba in der Nähe des Fürstenhauses, er steht immer noch da und gilt als der älteste Baum Weimars.

Doch ich will weiter zum Schloss.

Vorbei am Hotel Elephant, einer Nobelherberge mit Spitzenküche und einer exklusiven Kellerbar, sehe ich schon die Franz-Liszt-Musikhochschule im Fürstenhaus. Hier erhielt ich meine ersten Klavierstunden und rund um das Carl-August-Denkmal gewann ich als kleines Mädchen mein erstes Rollerrennen.

Mein Blick fällt auf das Stadtschloss. Das Schieferdach wurde einst von meinem Urgroßvater gedeckt, zusammen mit seinem Sohn. Er war Hofdachdeckermeister, das Wappen der Großherzöge zierte lange Jahre seine Werkstatt. Stolz erfüllt mich.

Nun kann ich dem Charme des großen Parks an der Ilm nicht länger widerstehen. Kegel- und Sternbrücke überspannen den flachen Fluss. Romantische Wege führen zu Goethes Gartenhaus, herrliche Bäume lassen vergessen, dass man sich eigentlich in einer Stadt aufhält. Am nördlichen Ende finde ich das größte Abenteuer meiner Kindheit wieder - die Schaukelbrücke. Unzählige Kinderfüße haben sie in Bewegung gesetzt, 14 Meter lang, ein paar Seile und jede Menge Herzklopfen.

Nein - eine Woche reicht auf keinen Fall! Mein Weimar hat sich von einer verschlafenen, grauen Beamtenstadt zu einem Schmuckstück entwickelt. Weinfest, Töpfermarkt, der schon zu DDR-Zeiten berühmte Zwiebelmarkt und Kultur zum Anfassen machen den Aufenthalt in dieser blühenden Schönheit zu einem unvergesslichen Erlebnis. Ich sitze im "Weißen Schwan", einer urigen Kneipe, in der Goethe seinen Schlummertrunk nahm, bevor er zu seiner Geliebten, der Frau von Stein, in die Seifengasse schlich, und weiss - ich bleibe. Ich freue mich auf den Abend im Kötzritzer Schwarzbierhaus in der Scherfgasse, dieses 1547 erbaute Fachwerkhaus, das eine deftige, thüringer Küche bietet. Alte Schulfreunde treffe ich da. Und morgen fahre ich zum Tiefurter Schloss, und dann....., und dann...

Komme ich wieder.

Gisa Burg

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